Du lebst nur zweimal




Mit seiner Vision einer anderen Wirklichkeit fesselt der amerikanische Anthropologe und Schriftsteller Carlos Castaneda seit den späten sechziger Jahren Generationen. In diesem raren Interview spricht der legendäre Zauberer mit Bruce Wagner über Don Juan, Freiheit, Träumen und Tod – und über die lustigen Dinge, die einem auf dem Weg zur Unendlichkeit passieren. Der Artikel erschien in der Zeitschrift DETAILS, New York, im März MCMXCIV.


Carlos Castaneda lebt hier nicht mehr.

Nach Jahren rigoroser Disziplin – Jahren des Kriegertums – ist er vor dem plaudernden Theater des alltäglichen Lebens geflohen. Er ist so etwas wie ein leerer Zylinder, ein Erzähler von Märchen und Berichten; überhaupt kein richtiger Mensch, sondern ein Wesen, das keine Zugehörigkeit zu der Welt, wie wir sie kennen, mehr hat. Er ist der letzte Nagual, der Stöpsel einer jahrhundertealten Linie von Zauberern, deren Triumph es war, die »Übereinkunft« mit der normalen Realität zu brechen. Mit der Herausgabe seines neunten Buches, Die Kunst des Träumens, ist er wieder aufgetaucht – für einen Moment und auf seine Art & Weise.


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Der gesunde Menschenverstand
bringt uns um
Mein Name ist Carlos Castaneda.

Ich hätte gerne, daß ihr heute etwas tut. Ich möchte, daß ihr euer Urteilsvermögen einstellt. Bitte kommt mir nicht mit dem »gesunden Menschenverstand« bewaffnet. Es macht die Runde, daß ich sprechen werde, und die Leute kommen zu diesem Castaneda. Um mich zu verletzen. »Ich habe Ihre Bücher gelesen, und sie sind kindisch.« – »Alle Ihre späteren Bücher sind langweilig.« Kommt mir nicht so. Das ist zwecklos. Heute möchte ich euch für nur eine Stunde ersuchen, euch der Möglichkeit, die ich euch anbieten werde, zu öffnen. Hört mir nicht zu wie ehrbare Studenten. Ich sprach schon früher zu ehrbaren Studenten; sie sind taub und arrogant. Gesunder Menschenverstand und Ideale sind das, was uns umbringt. Wir beißen uns mit den Zähnen daran fest – das ist das »Äffische« an uns.

So hat uns Don Juan Matus genannt: Geistesgestörte Affen.

Ich stand dreißig Jahre lang nicht zur Verfügung. Ich mache mich nicht auf, um zu Leuten zu sprechen. Für einen Moment bin ich hier. Einen Monat, vielleicht zwei... Dann werde ich wieder verschwinden. Wir sind nicht auf einer Insel, nicht nur im Jetzt. Wir können so nicht sein. Wir sind die Verbindlichkeit eingegangen, denen zu bezahlen, welche die Mühe auf sich nahmen, uns gewisse Dinge zu zeigen. Wir erbten dieses Wissen; Don Juan lehrte uns, nicht zu rechtfertigen. Wir wollen, daß ihr seht, daß es übernatürliche und pragmatische Möglichkeiten gibt, die nicht außerhalb eurer Reichweite liegen. Ich empfinde exotisches Vergnügen daran, so einem Flug zu folgen. – Esoterizismus pur! Nur für meine Augen. Ich bin nicht bedürftig; ich benötige überhaupt nichts. Ich brauche euch wie ein Loch im Kopf. Aber ich bin ein Reisender. Ich navigiere – dort draußen. Ich hätte gern, daß auch andere diese Möglichkeit haben.


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Hier ist der Notausgang


Der Navigator hat vor Gruppen in San Francisco und Los Angeles gesprochen, und seine Kohorten – Florinda Donner-Grau, Taisha Abelar und Carol Tiggs – haben Vorträge (»Das Träumen der Tolteken – Der Nachlaß Don Juans«) in Arizona, Maui und in Esalen gehalten. Während der letzten zwei Jahre erschienen Donner-Graus und Abelars Bücher auf dem Markt (in denen sie Castaneda und den Unterricht, den ihnen Don Juan gab, besprechen): Traumwache (Being-in-Dreaming) beziehungsweise Die Zauberin (The Sorcerer’s Crossing). Die Berichte dieser zwei Frauen sind phänomenologische Sprößlinge, ehrliche Chroniken ihres Einstands und Trainings. Sie sind auch große und unverhoffte Geschenke, da die Leser Castanedas noch nie Zugang zu solch direkter und erhellender Verstärkung seiner Erfahrung hatten. (»Die Frauen sind hierfür verantwortlich«, sagt er. »Es ist ihr Spiel. Ich bin nur der philippinische Chauffeur.«) Donner-Grau bezeichnet den insgesamten Konsensus dieser Werke als »Intersubjektivität unter Zauberern«; jedes davon sei eine höchst individuelle Straßenkarte derselben Stadt. Sie seien »energetische« Verlockungen, ein wahrnehmbarer Ruf nach Freiheit, wurzelnd in einem einzelnen atemberaubenden Vorsatz: Wir müssen für die unabstreitbare Tatsache, daß wir Wesen sind, die sterben werden, Verantwortung übernehmen! Man ist von der Stichhaltigkeit ihres Falles getroffen, und das aus gutem Grunde. Die Darsteller, allesamt Doktoren der Philosophie an der anthropologischen Fakultät der Universität von Kalifornien, sind hervorragende Methodiker, deren akademische Wissenszweige komischerweise wie geschaffen sind für die Beschreibung der magischen Welt, die sie präsentieren – eine Energieanordnung, genannt »die zweite Aufmerksamkeit«. Kein Ort für schüchterne Anhänger des New Age.


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Der Stein des Anstoßes

Ich führe kein Doppelleben. Ich lebe dieses Leben: Es gibt keine Kluft zwischen dem, was ich sage, und dem, was ich tue. Ich bin nicht dazu da, euch an die Kette zu legen oder euch zu unterhalten. Worüber ich heute zu euch sprechen werde, sind nicht meine Ansichten – es sind jene des Don Juan Matus, des mexikanischen Indianers, der mir diese andere Welt zeigte. Nehmt also daran nicht Anstoß! Juan Matus beschenkte mich mit einem funktionierenden System, das auf siebenundzwanzig Generationen von Zauberern zurückgeht. Ohne ihn wäre ich ein alter Mann mit einem Buch unter dem Arm, der mit seinen Studenten auf dem Hof der Uni im Kreise spaziert. Seht, wir verlassen immer eine Sicherheitszone; deswegen springen wir nicht. »Wenn alles andere schiefgeht, kann ich ja immer noch Anthropologie unterrichten.« Wir sind bereits Verlierer, wenn wir uns Verliererszenarien vorstellen. »Ich bin Dr. Castaneda... Und das ist mein Buch, Die Lehren des Don Juan. Wußten Sie, daß es als Paperback erschienen ist?« Ich wäre der »Ein-Buch-Mann« – der ausgebrannte Genius. »Wußten Sie, daß es sich in der zwölften Auflage befindet? Es wurde gerade auf Russisch übersetzt.«

Oder ich könnte eure Koffer tragen und Platitüden von mir geben: »Es ist zu heiß... Es ist schön, aber es ist zu heiß. Es ist zu kalt... Es ist schön, aber es ist zu kalt. Ich sollte in die Tropen ziehen...«


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Das sensationelle Zaubertheater


1960 war Castaneda graduierter Student der Anthropologie an der Universität von Kalifornien in Los Angeles. Während er in Arizona die medizinischen Eigenschaften von Pflanzen erforschte, traf er einen Yaqui-Indianer, der einwilligte zu helfen. Der junge Feldforscher bot der plastischen, wandelnden Gebrauchsanleitung namens Don Juan Matus fünf Dollar pro Stunde für die Bedienung. Der Lakai lehnte ab. Was Castaneda nicht wußte, der alte Bauer in Huarachos war ein Zauberer ohnegleichen, ein Nagual, der ihn kunstvoll als Darsteller in den Mythos der Energie (Abelar nennt es »das sensationelle Zaubertheater«) einbezog. Als Gegenleistung für seine Dienste ersuchte Don Juan um etwas anderes: Castanedas »völlige Aufmerksamkeit«.

Das erstaunliche Buch, das aus diesem Abenteuer geboren wurde, Die Lehren des Don Juan: Ein Yaqui-Weg des Wissens, wurde sofort ein Klassiker, hob die Welt der Wahrnehmung gründlich aus den Angeln und elektrisierte die Gesellschaft. Seit damals fährt er damit fort, »die Zwiebel wegzuschälen«, fügt Journale seiner Erfahrungen hinzu, autoritative Erläuterungen ungewöhnlicher Realitäten, die am Selbst nagen. Ein Gesamttitel für sein Werk könnte lauten: Das Verschwinden des Carlos Castaneda. »Wir benötigen ein neues Wort für Zauberei«, sagt er. »Es ist zu dunkel. Wir assoziieren es mit mittelalterlichen Absurditäten wie Ritualien, dem Bösen. Mir gefällt ›Kriegertum‹ oder ›Navigation‹. Das ist es, was Zauberer tun, sie navigieren.«

Er schrieb, »Energie direkt wahrnehmen« sei eine gültige Definition für Zauberei. Die Zauberer sahen, daß sich das Wesentliche des Universums aus einer mit leuchtenden Fäden aus Bewußtheit durchdrungenen Energiematrix zusammensetzt – der eigentlichen Wahrnehmung. Diese Fäden bilden »Bänder«, welche allumfassende Welten enthalten, jede genauso real wie unsere, die bloß eine unter unendlich vielen ist. Die Zauberer nennen die Welt, wie wir sie kennen, »das menschliche Band« oder »die erste Aufmerksamkeit«.

Sie sahen auch das Wesentliche der menschlichen Form. Es ist nicht nur eine affenähnliche Amalgamation aus Haut und Knochen, sondern eine eiähnliche Kugel aus einer Art Leuchtstoff, fähig, entlang dieser leuchtenden Fasern in andere Welten zu reisen. Doch was hält sie davon ab? Nach Meinung der Zauberer sind wir von gesellschaftlicher Erziehung bestattet; von der Wahrnehmung der Welt als ein Ort der festen Gegenstände und Endgültigkeiten an der Nase herumgeführt. Wir gehen zu Grabe, indem wir es ablehnen, magische Wesen zu sein; es ist unser Streben, das Ego zu bedienen anstatt den Geist. Noch bevor uns das zu Bewußtsein kommt, ist der Kampf zu Ende – wir sterben elend am Selbst gefesselt. Don Juan Matus machte einen faszinierenden Vorschlag: Was wäre, wenn Castaneda seine Truppen umgruppierte? Wenn er die Energie, die routiniert mit Hofieren und Verfilzungen beschäftigt ist, befreite? Wenn er die Wichtigkeit seiner selbst beschnitt und die »Verteidigung, Hervorhebung und Präsentation« des Ego zurückzöge – wenn er von der Sorge, ob er gemocht, bekannt oder begehrt sei, abließ? Würde er genug Energie anreichern, um in der Welt einen Riß zu sehen? Und wenn er das täte, würde er durch ihn hindurch gehen? Der alte Indianer hatte ihn mit der »Absicht« der Welt der Zauberer süchtig gemacht.

Aber was macht Carlos Castaneda tagsüber?

Er spricht zu den geistesgestörten Affen. Für das Jetzt, irgendwie – in privaten Heimen, Ballettstudios, Bücherläden. Sie unternehmen Pilgerfahrten aus aller Welt: Ikonen der vergangenen, gegenwärtigen und zukünftigen Neuen Bewußtheit, energiegeladene Groupies, Schreckhafte und Schamanen, Juristen, Dummköpfe, Austrommler, Aufdecker und erleuchtete Träumer, Gelehrte, Berühmte und Verführer, Wegbereiter, Meditierende und Moguln, sogar Geliebte und Kumpane »von vor zehntausend Jahren«. Wildgewordne Notizenmacher kommen und werdende Junior-Naguals. Einige werden Bücher über ihn schreiben; die Fauleren Kapitel. Andere werden Seminare geben – gegen Gebühr, versteht sich. »Sie kommen, um ein paar Stunden zuzuhören«, sagt er, »und am nächsten Wochenende halten sie Vorträge über Castaneda! Das ist das Äffische.« Er steht stundenlang vor ihnen und lockt und ermahnt ihren »Energiekörper«, und der Effekt ist gleichzeitig heiß und kalt wie Trockeneis. Mit großer Finesse schüttelt er Geschichten über Freiheit und Kraft aus dem Ärmel wie Tücher aus dem Zylinder – beweglich, elegant, obszön, vergnügt, haarsträubend und chirurgisch präzise. Fragt mich irgendwas! kommt die inständige Bitte. Was würdet ihr gerne wissen?

Warum machen sich Castaneda & Co. erreichbar? Warum jetzt? Was haben sie davon?


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Das riesige Tor

Es gibt eine, die in das Unbekannte geht und darauf wartet, daß wir uns zu ihr gesellen. Sie wird Carol Tiggs genannt – mein Pendant. Sie war mit uns, dann verschwand sie. Ihre Abgängigkeit dauerte zehn Jahre. Wohin sie ging, ist unbegreiflich. Es fügt sich nicht dem Verstand. Also enthaltet euch bitte des Urteils! Wir werden einen Aufkleber an die Stoßstange heften: DER GESUNDE MENSCHENVERSTAND BRINGT UNS UM!

Carol Tiggs war weggegangen. Sie lebte nicht in den Bergen von New Mexico, das versichere ich euch. Eines Tages hielt ich einen Vortrag im Bücherladen von Phoenix, und sie materialisierte sich. Mein Herz hüpfte aus meinem Hemd, poch, poch, poch. Ich sprach weiter. Ich sprach zwei Stunden, ohne zu wissen, was ich sagte. Ich nahm sie beiseite und fragte sie, wo sie gewesen sei – zehn Jahre lang! Sie gab sich zugeknöpft und begann zu schwitzen. Sie habe nur vage Erinnerungen. Sie scherzte.

Das Wiedererscheinen Carol Tiggs öffnete – energetisch – ein riesiges Tor, durch das wir kommen und gehen. Dort ist ein weiter Zugang, wo ich euch in die Absicht der Zauberei einklinken kann. Ihre Rückkunft gab uns einen neuen Ring der Kraft; sie brachte eine gewaltige Menge an Energie mit, die es uns erlaubt hervorzukommen. Das ist es, warum wir momentan zur Verfügung stehen. Jemand wurde Carol Tiggs bei einem Vortrag vorgestellt. Er sagte: »Aber Ihr Buch ist so normal.« Carol Tiggs darauf: »Was haben Sie erwartet? Blitze, die aus meinen Titten schnalzen?«


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Die Huren der Wahrnehmung


Wo befindet sich Carlos Castaneda, und welches Leben führt er?

Wir haben schon 1994: Warum rückt er damit nicht heraus?

Warum sagt er uns nicht sein Alter und läßt Richard Avedon ein Photo machen? Hat ihm keiner gesagt, daß die Privatsphäre tot ist? Daß die Enthüllungen von Details nicht weniger werden? Im Austausch für unsere vollständige Aufmerksamkeit hat er uns gefälligst zu orientieren. Es gibt Dinge, die man gerne wüßte – weltliche, persönliche Dinge, wie: wo er lebt; was er von Sinatras Duets hält. Was hat er mit den ungeheuren Einnahmen aus seinen Büchern gemacht? Fährt er einen Turbo-Bentley wie all die großen alten Päpste? War das wirklich er, der mit Michael Jordan und Edmund White gesehen wurde?

Sie hatten jahrelang versucht, ihn festzunageln.

Sie hatten sogar sein Gesicht aus Erinnerungen alter Kollegen und dubioser Bekanntschaften rekonstruiert; das absurde Resultat sieht aus wie ein Polizei-Phantombild eines gütig lächelnden Olmec-Indianers für Reader’s Digest. In den Siebzigern erschien ein Photo in einer Titelgeschichte des Time-Magazins (es waren nur die Augen sichtbar); – als das Magazin herausfand, daß es sich dabei um eine Fälschung handelte, verzieh es ihm das nie.

Um die Zeit, als Paul McCartney für tot erklärt wurde, verdichteten sich die Gerüchte. Carlos Castaneda war Margaret Mead.

Sein Agent und seine Anwälte sind rund um die Uhr beschäftigt als Verteidiger gegen Anschläge von Korrespondenten und Verrückten, spirituellen Hängegleitern, Bekehrten und Suchenden, Künstlern, die sein Werk adaptieren wollen – berühmten und unbekannten, mit oder ohne Erlaubnis – und Schwindelseminaren, bis obenhin vollgefüllt mit Personifizierungen Carlos’. Nach dreißig Jahren gibt es noch immer kein Kopfgeld auf ihn. Er ist nicht an Gurus und Gurutum interessiert; es wird keine Turbo-Bentleys geben, keine Ranch mit turbanbedeckten Verehrern, keine Extraausgabe vom Pariser Vogue. Es wird kein Castaneda-Institut geben, kein Zentrum für fortgeschrittene Zaubereistudien, keine Traumakademie – keine Informationsveranstaltungen, Pilzverkostungen oder tantrischen Sex. Es wird keine Biographien geben und keine Skandale. Wenn er zu Vorträgen eingeladen wird, erhält Castaneda keine Entschädigung und offeriert, seine Reise selbst zu bezahlen. Beim Eintritt sind nur ein paar Dollar zu bezahlen, um die Hallenmiete abzudecken. Alles, was von den Teilnehmern verlangt wird, ist ihre vollständige Aufmerksamkeit.

»Freiheit ist gratis«, sagt er. »Sie kann weder gekauft noch verstanden werden. Ich habe versucht, eine Möglichkeit zu präsentieren – daß Bewußtheit ein Medium für den Transport oder Bewegung sein kann. Ich war gar nicht so überzeugend; sie glauben, ich schreibe Romane. Wäre ich prahlerisch und bedeutend, lägen die Dinge anders – sie würden auf den Big Daddy horchen. Die Leute sagen: ›Du lügst.‹ Wie könnte ich lügen?

Du lügst nur, wenn du etwas haben willst, um zu manipulieren. Ich möchte nichts von niemandem – nur Übereinstimmung. Wir hätten gerne die Übereinstimmung, daß da Welten neben unserer eigenen sind. Bestünde die Übereinstimmung, daß uns Flügel wachsen, flögen wir. Mit der Übereinstimmung kommt die Masse; mit der Masse wird es Bewegung geben.«

Castaneda und seine Konföderierten sind die energetischen Radikalen von etwas, das die einzige bezeichnende Revolution unserer Zeit sein mag – nichts weniger als die Umformung des biologischen Gebotes in ein evolutionäres. Wenn das oberste soziale Prinzip die Fortpflanzung ist, dann ist das furchtlose Prinzip der Zauberer (energetische Piraten samt und sonders) etwas weniger... na gut, irdisch. Ihre erschreckende, heldenhafte Absicht ist, die Welt so zu verlassen, wie es Don Juan vor zwanzig Jahren tat: Als reine Energie mit intakter Wahrnehmung. Zauberer nennen diesen Salto »den abstrakten Flug«.


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Der geschniegelte Affe

Mein Idol war Alan Watts, als ich jung war. Nachdem ich »Carlos Castaneda« geworden war, hatte ich das Entrée und zog aus, um ihn zu besuchen. Er fürchtete sich vor der Öffentlichkeit, vor mir nicht. Er war keineswegs, was er vorgab zu sein – er wollte mit mir ins Bett. Ich sagte: »He, Alan, was soll das?« – »Aber Carlos«, sagte er, »siehst du nicht die Schönheit? Daß ich die Perfektion begreife, auch wenn ich meine Ideale nicht verwirklichen kann? Ich bin nicht vollkommen, aber ich umarme die Schwäche, menschlich zu sein.« Das ist Scheiße. Ich teilte ihm das mit: »Ich kenne Leute, die das Gegenteil behaupten; sie tun, was sie sagen. Und sie leben, um zu beweisen, daß wir erhaben sind.«

Es gibt eine Frau, eine große Spiritualistin. Millionen von Dollar gehen durch ihre Hände. Sie machte das zwanzig Jahre lang. Ich ging hin, um sie im Haus von irgend jemandem zu sehen, und sie trat einem Mann zwischen die Beine, genau vor mir. Tat sie das, um auf mich Eindruck zu machen? Um zu schockieren? Ich kann nicht schockiert werden. Später trieb ich sie in der Küche in die Enge. Ich sagte: »Was sagst du zu dir selbst, wenn du mitten in der Nacht alleine bist?« Don Juan pflegte, mir diese Frage zu stellen. »Was sagst du, wenn du alleine bist und in den Spiegel schaust?« – »Ah, Carlos«, sagte sie, »das ist das Geheimnis. Niemals alleine zu sein.« Ist das wirklich das Geheimnis? Niemals alleine zu sein? Wie gräßlich. Das ist ein Scheiß-Geheimnis.

Dieser Yaqui-Zauberer ersuchte mich, mein Urteilsvermögen drei Tage lang einzustellen – drei Tage lang zu glauben, daß menschlich zu sein nicht bedeute schwach zu sein, sondern erhaben. Selbst wenn einer ehrlich ist, na gut... Aber um wieviel stärker ist es, erhaben zu sein! Der Affe ist geistesgestört, aber auch geschniegelt. Don Juan war ein kalter Affe – aber er war ein makelloser Krieger. Er verließ die Welt unbeschädigt. Er wurde zu Energie; er brannte von innen.

Er pflegte zu sagen: »Ich wurde als Hund geboren... Aber ich will nicht als ein solcher sterben müssen. Möchtest du wie dein Vater leben?« Er fragte mich das. »Möchtest du wie dein Großvater sterben?« Dann kam die wirklich große Frage: »Was unternimmst du, um zu vermeiden, so zu sterben?« Ich antwortete nicht – ich mußte nicht. Die Antwort wäre gewesen: »Nichts.« Ein fürchterlicher Moment. Wie mich das verfolgte.


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Die kritische Masse


Ich traf mich mit Castaneda und den »Hexen« im Laufe einiger Wochen in Restaurants, Hotelzimmern und auf Promenaden. Sie sind attraktiv und lebhaft jugendlich. Die Frauen kleiden sich unauffällig, mit einem Hauch von beiläufigem Chic. Sie würden sie in einer Menge nicht bemerken, und das ist der springende Punkt.

Ich überflog einen New Yorker auf der Terrasse des Cafés vom Regent Beverly Wilshire. Die Anzeige von Drambuie wirkte besonders widerlich: Egal wie sehr wir uns in die eine Richtung oder in die andere bemühen – eines Tages sind wir unvermeidlich wie unsere Eltern. Wehren Sie sich nicht gegen diese Tatsache, sondern lassen Sie sich von uns einladen, das Ritual dieses Laufes der Dinge mit einem exquisiten Likör zu zelebrieren... Don Juan lachte in seinem Grab – oder woher auch immer, was mir eine Flut von Fragen zu Bewußtsein brachte: Wo war er überhaupt? Am selben Ort, von dem Carol Tiggs zurückkam? Wenn es so wäre, würde das bedeuten, der alte Nagual wäre zu einem solchen Wiederauferstehen in der Lage? In Das Feuer von innen schrieb Castaneda, Don Juan und seine Gruppe entschwanden irgendwann 1973 – vierzehn Navigatoren gingen in die »zweite Aufmerksamkeit«. Was genau war die zweite Aufmerksamkeit? Es schien alles klar gewesen zu sein, als ich die Bücher gelesen hatte. Ich suchte meine Notizen. Ich hatte »Zweite Aufmerksamkeit = erhöhte Bewußtheit« auf den Rand einer Seite gekritzelt, aber das half mir nicht weiter. Ungeduldig blätterte ich mich durch Die Kraft der Stille, Die Kunst des Pirschens, Reise nach Ixtlan. Obwohl es viel gab, das ich überhaupt nicht verstand, die Grundlagen waren durchwegs zusammenhängend beschrieben. Warum konnte ich nichts davon in meinem Kopf behalten?

Es haperte bei mir am Einmaleins der Zauberei.

Ich bestellte einen Cappuccino und wartete. Ich ließ meinen Geist treiben. Ich dachte an Donner-Grau und an die japanischen Affen. Als ich mit ihr am Telephon sprach, um ein Interview zu vereinbaren, erwähnte sie Imo. Jeder Student der Anthropologie hat von Imo, dem berühmten Makaken, gehört. Eines Tages wusch Imo spontan eine Süßkartoffel, bevor er sie aß; nach kurzer Zeit machten es ihm die Makaken der ganzen Insel nach. Anthropologen mögen das »kulturelles« Verhalten nennen, aber Donner-Grau sagte, das sei ein perfektes Beispiel für die kritische Masse – die Intersubjektivität der Affen.

Castaneda erschien. Er lächelte breit, schüttelte meine Hand und setzte sich. Ich wollte gerade die Affen ins Gespräch bringen, als er zu weinen begann. Die Stirn lag in Falten; sein ganzer Körper krümmte sich vor Jammer. Bald keuchte er wie ein Kapitän, den es von der Kommandobrücke gefegt hatte. Seine feuchte Unterlippe zuckte wie elektrisiert. Sein Arm streckte sich nach mir aus, die Hand lahmte und zitterte – dann öffnete sie sich wie eine nachtblühende Knospe aus dem Kleinen Horrorladen, als ob sie um Almosen bettelte.

»Bitte!« Er schloß einen unsicheren Waffenstillstand mit seinen Gesichtsmuskeln, um die Worte auszustoßen. Er drängte sich zu mir mit einem dringenden, inständigen Ersuchen: »Bitte mögen Sie mich!«

Castaneda schluchzte wieder, ein großer, zerbrochener, verstopfter Hydrant, er wechselte mühelos vom Erhabenen übers Lächerliche zum unanständig heulenden Monstrum. »So sind wir: Affen mit dünner Haut. So routiniert, so schwach. Masturbierend. Wir sind erhaben, aber dem geistesgestörten Affen mangelt es an Energie, um zu sehen – daher gewinnt das Hirn des Viehs die Oberhand. Wir können unser Fenster der Gelegenheiten nicht offenhalten, unseren ›Kubikzentimeter Chance‹ nicht packen. Wie könnten wir auch? Wir sind zu sehr damit beschäftigt, Mamas Händchen zu halten; daran zu denken, wie wundervoll wir sind, wie empfindsam, wie einzigartig. Wir sind nicht einzigartig! Die Drehbücher unserer Leben sind schon geschrieben«, sagte er geheimnisvoll lächelnd, »von anderen. Wir wissen... Aber wir kümmern uns nicht darum. Scheiß drauf! sagen wir. Wir sind die vollendeten Zyniker. Coño! Carajo! So leben wir: In einer Gosse warmer Scheiße! Was haben sie nur mit uns gemacht? Das ist es, was Don Juan zu sagen pflegte. Er fragte mich immer: ›Wie schmeckt dir die Karotte?‹ – ›Was meinst du?‹ – ›Die Karotte schoben sie dir in den Arsch.‹ Ich war schrecklich beleidigt; er konnte das tatsächlich mit mir machen! Das war’s. Er sagte: ›Sei dankbar, daß sie noch keinen Griff daran angebracht haben.‹«

»Aber wenn wir die Wahl haben, warum bleiben wir in der Gosse?«

»Es ist so schön warm. Wir wollen sie nicht verlassen – wir hassen es, auf Wiedersehen zu sagen. Und wir sorgen uns. Und wie wir uns sorgen! Sechsundzwanzig Stunden täglich! Und worüber, glauben Sie, machen wir uns Sorgen?« Er lächelte wieder wie ein zähes Gummibärchen. »Über mich! Was ist los mit mir? Was ist drin für mich? Was wird mir passieren? Was für eine Selbstsucht. Furchtbar. Aber faszinierend!«

Ich sagte ihm, seine Ansichten schienen ein wenig streng zu sein, und er lachte. »Ja«, sagte er im komisch näselnden und urteilenden Tonfall eines Akademikers. »Castaneda ist ein verbitterter und geisteskranker alter Mann.« Seine Karikaturen waren drollig und trafen brutal ins Schwarze. »Der gierige Affe langt durch ein Gitter nach einem Krümel und kann nicht auf die Kontrolle verzichten. Es gibt Studien; nichts wird ihn dazu bringen, diesen Krümel fallenzulassen. Die Hand wird ihn festhalten, selbst wenn Sie den Arm abhacken – wir sterben, indem wir uns an die Mierda festklammern. Aber warum? Ist das alles, was es gibt, – wie Miß Peggy Lee sagte? Das kann nicht sein; das wäre zu furchtbar. Wir müssen lernen, ihn fallenzulassen. Wir sammeln Erinnerungen und kleben sie in Bücher. Eintrittskarten einer Show am Broadway von vor zehn Jahren. Wir sterben, während wir uns an Souvenirs anklammern. Ein Zauberer zu sein bedeutet, die Energie, die Neugier und den Mumm dazu zu haben, die Krume fallenzulassen, ins Unbekannte zu springen – alles, was man braucht, ist eine Neubearbeitung, eine Neudefinition. Wir müssen uns als Wesen betrachten, die sterben werden. Wenn Sie das einmal akzeptiert haben, öffnen sich Ihnen Welten. Aber um diese Definition in Ihr Herz zu schließen, brauchen Sie ›Eier aus Stahl‹.«


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Das natürliche Erbe
empfindsamer Wesen

Wenn ihr »Berg« oder »Baum« oder »Weißes Haus« sagt, beschwört ihr mit einer einzigen Äußerung ein Universum an Details; das ist magisch. Seht, wir sind visuelle Kreaturen. Ihr könntet am Weißen Haus lecken – es riechen, es berühren... Und es würde euch nichts erklären. Aber ein Blick, und ihr wißt alles, was es darüber zu wissen gibt: »Die Wiege der Demokratie«, was sonst. Ihr braucht nicht einmal richtig hinzuschauen, schon seht ihr Clinton drinnen sitzen, Nixon betend knien – was auch immer. Unsere Welt ist eine Agglutination von Details, eine Lawine von äußeren Scheinbarkeiten – wir nehmen nicht wahr, wir interpretieren bloß. Und unser Interpretationssystem macht uns faul und zynisch. Wir sagen lieber: »Castaneda ist ein Lügner«, oder: »Diese Sache mit den wahrnehmbaren Möglichkeiten ist nicht wirklich mein Bier.« Was ist euer Bier? Was ist »wirklich«? Dieses unbeugsame, beschissen bedeutungslose, tägliche Wort? Sind Verzweiflung und Senilität das, was wirklich ist? Daß die Welt »gegeben« und »endgültig« sei, ist ein trügerisches Konzept. Von Kindesbeinen an erwerben wir »Mitgliedschaft«. Eines Tages, wenn wir die Kurzschrift der Interpretation gelernt haben, sagt die Welt: »Willkommen.« Willkommen wozu? Zur Gefangenschaft. Willkommen in der Hölle. Was ist, wenn sich herausstellt, daß Castaneda nichts erfindet? Wenn das wahr ist, dann steht ihr sehr schlecht da.

Das Interpretationssystem kann unterbrochen werden; es ist nicht endgültig. Es gibt Welten innerhalb von Welten, jede so wirklich wie diese. Diese Wand dort drüben ist eine Welt, dieser Raum ist ein Universum von Details. Autisten sind gefangen, eingefroren in Details – sie fahren mit dem Finger an der Kante einer Scherbe entlang, bis er blutet. Wir sind im Raum des täglichen Lebens gefangen. Es gibt andere Möglichkeiten als diese Welt, so wirklich wie dieser Raum, Orte, an denen ihr leben oder sterben könnt. Zauberer tun das – wie aufregend! Zu denken, daß diese die einzige, allumfassende Welt sei, das ist die Essenz der Arroganz. Warum nicht die Tür zu einem anderen Raum öffnen? Das ist das natürliche Erbe empfindsamer Wesen. Es ist an der Zeit, neue Umschreibungen zu interpretieren und zu konstruieren. Geht an einen Ort, wo es noch kein a priori Wissen gibt. Werft euer altes Interpretationssystem nicht weg – verwendet es von neun bis fünf. Nach fünf? Magische Stunde.

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Non se habla Español aqui


Aber was meint er mit »magische Stunde«?

Ihre Bücher sind äußerst gewissenhafte, detaillierte Beschwörungen des Unbekannten, wenn auch mit Resten von Ironie; es gibt kein wirkliches Lexikon für ihre Erfahrungen. Magische Stunde ist nicht wortgerecht – ihre überschüssigen Energien werden körperlich erfahren. Wann immer Castaneda Don Juan verließ, um nach Los Angeles zurückzukehren, beliebte der alte Nagual zu sagen, er wisse, was sein Schüler vorhabe. Er könne eine Liste anfertigen, sagte er. Eine womöglich lange Liste, aber immerhin eine Liste, auf der Castanedas Gedanken und Taten zwangsläufig gefunden werden könnten. Aber es war unmöglich für Castaneda, dasselbe für seinen Lehrer zu tun. Es gab keine Intersubjektivität zwischen den beiden Männern. Was immer es war, das der Indianer in der zweiten Aufmerksamkeit »tat«, es konnte nur erfahren, nie übertragen werden. Zurückgekehrt, hatte Castaneda weder die Energie noch die Vorbereitung, die es für eine solche Übereinstimmung braucht.

Aber der Affe ist von Worten und vom Syntax besessen. Er muß verstehen, koste es, was es wolle. Und es muß eine Lebensweise für sein Verständnis geben.

»Wir sind lineare Wesen: Gefährliche Kreaturen, Gewohnheits- und Wiederholungstäter. Wir benötigen folgendes Wissen: Dort gibt es Hühner! Da gibt es Schnürsenkel! Dort ist die Autowaschanlage! Wenn eines Tages etwas davon nicht mehr dort ist – schnappen wir über.« Er bestand darauf, für das Essen zu bezahlen. Als der Kellner mit der Rechnung kam, verspürte ich den Drang, die Kreditkarte zu grabschen und nachzusehen, ob sie auf seinen Namen ausgestellt war. Er erhaschte meinen Blick.

»Ein Geschäftsmann versuchte, mich dazu zu überreden, in der uralten American Express-Werbung aufzutreten: CARLOS CASTANEDA, MITGLIED SEIT 1968.« Er lachte fröhlich und kehrte zu seinem Thema zurück. »Wir sind schwere, behäbige Affen und sehr rituell. Mein Freund Ralph pflegte, seine Großmutter an den Montagabenden zu besuchen. Sie starb. Und er sagte: ›He Joe‹ – ich war damals Joe –, ›He Joe, jetzt können wir uns an den Montagabenden treffen. Bist du montags frei, Joe?‹ – ›Meinst du jeden Montag, Ralph?‹ – ›Ja, ja! Jeden Montag. Wäre das nicht toll?‹ – ›Aber jeden Montag? Für alle Zeiten?‹ – ›Ja, Joe! Du und ich an Montagen, für immer!‹«


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Das Einmaleins der Zauberei

Ich traf auf einer Party einen Wissenschaftler – einen bekannten Mann. Bedeutend. Eine Koryphäe. »Dr. X.« Er wollte mich ernsthaft kritisieren. Er sagte: »Ich las ihr erstes Buch; der Rest war langweilig. Sehen Sie, ich bin nicht an Anekdoten interessiert. Ich bin an Beweisen interessiert.« Dr. X. stellte mich zur Rede. Er muß gedacht haben, ich sei so wichtig wie er.

Ich sagte: »Wenn ich das Gesetz der Schwerkraft beweisen sollte, bräuchten Sie dann nicht ein gewisses Training, um mir folgen zu können? Sie bräuchten ›Mitgliedschaft‹ – vielleicht sogar eine Ausrüstung. Sie müßten Physik, die Kapitel 1, 2, 16, vielleicht sogar Kapitel 23 durchnehmen. Sie haben bereits gewaltige Opfer auf sich genommen, um zu lernen: Sie sind in die Schule gegangen, haben stundenlang studiert. Sie haben womöglich sogar aufgehört, die Tage zu zählen.« Ich teilte ihm mit, wenn er Beweise wolle, habe er sich das Einmaleins der Zauberei anzueignen. Aber das werde er nicht tun; das benötige Vorbereitung. Er wurde böse und verließ den Raum.

Zauberei ist ein Fließen, ein Prozeß. Genau wie in der Physik braucht ihr ein bestimmtes Wissen, um dem Fluß der Gleichungen folgen zu können. Dr. X. hätte einige sehr grundlegende Dinge durchnehmen müssen, um in der Lage zu sein und genügend Energie zu haben, das Fließen der Zauberei zu verstehen. Er hätte sein Leben »rekapitulieren« müssen. Also: Die Gelehrten wollen Beweise, aber sie wollen sich nicht vorbereiten. Das ist der Weg, auf dem wir uns befinden. Wir wollen die Arbeit nicht verrichten – wir wollen mit dem Hubschrauber zur Bewußtheit gehievt werden, damit wir uns die Schuhchen nicht schmutzig machen. Und wenn uns das nicht gefällt, was wir sehen, wollen wir mit dem Hubschrauber wieder zurückgebracht werden.


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Die Spuren der Zeit


Es ist strapaziös, mit diesem Mann zusammenzusein. Er ist übermäßig und erbarmungslos präsent – die Intensität seiner Aufmerksamkeit ist erschöpfend. Er scheint meine Anfragen mit allem, was er hat, zu beantworten; es ist eine sanft fließende, hartnäckige Nachdrücklichkeit in seiner Rede, endgültig und elegant, eloquent und elegisch. Castaneda sagt, er fühle, die Zeit sei »vorgerückt« für ihn. Du empfindest seine Schwere als etwas Fremdes, das du nicht identifizieren kannst, ätherisch, doch lässig, verdichtet träge – wie ein Pfropfen oder eine Boje; ein Korken, der schwer auf den Wellen liegt.

Wir spazieren in Boyle Heights. Er bleibt stehen, um eine kriegerische Stellung, genannt »das Pferd«, zu demonstrieren – die Beine leicht gebogen, wie im Sattel. »So standen sie in Buenos Aires – zu meiner Zeit. Alles war sehr stilisiert. Sie nahmen die Posen von Männern an, die längst gestorben waren. Mein Großvater stand auf diese Art da. Der Muskel hier unten«, er zeigt auf die Unterseite seiner Oberschenkel, »dort ist es, wo wir die Nostalgie horten. Selbstmitleid ist eine fürchterliche Angelegenheit.«

»Was meinten Sie mit ›die Zeit ist vorgerückt‹ für Sie?«

»Don Juan wußte eine Metapher. Wir stehen auf der hintersten Plattform des Zuges und beobachten, wie die Schienenstränge der Zeit hinter uns bleiben. ›Dort bin ich, als Fünfjähriger! Dort gehe ich – ‹ Wir brauchen uns nur umzudrehen und die Zeit an uns vorbeiziehen zu lassen. Auf diese Weise gibt es kein a priori. Nichts wird angenommen; nichts wird vorausgesetzt; nichts ist gefällig abgepackt.«

Wir saßen auf der Bank einer Bushaltestelle. Auf der anderen Straßenseite hielt ein Bettler eine Tafel für die Kraftfahrer hoch. Castaneda starrte auf den Horizont hinter ihm. »Ich habe keinen Hang zum Morgen – und keinen zum Gestern. Die Fakultät für Anthropologie existiert für mich nicht mehr. Don Juan sagte, der erste Teil seines Lebens sei eine Verschwendung gewesen – er sei in Gefangenschaft gewesen. Der zweite Teil seines Lebens sei in der Zukunft absorbiert worden; der dritte in der Vergangenheit, Nostalgie. Nur der letzte Teil seines Lebens sei jetzt gewesen. Dort ist, wo ich mich befinde.«

Ich beschloß, ihn etwas Persönliches zu fragen und war darauf vorbereitet, eine Abfuhr erteilt zu bekommen. Auf sie machen biographische Nachweise zweifellos den gleichen Eindruck wie ein Sprung in der Schüssel – sie lassen jeden mit blutigen Fingern zurück.

»Als Sie ein Junge waren, wer war da der wichtigste Mann in Ihrem Leben?«

»Mein Großvater – er erzog mich.« Seine Augen funkelten. »Er hatte ein Zuchtschwein namens Rudy. Es machte einen Haufen Geld. Rudy hatte ein kleines, blondes Gesicht – fabelhaft. Sie pflegten ihm einen Hut aufzusetzen und eine Weste anzuziehen. Mein Großvater baute einen Tunnel vom Schweinestall zum Schauraum. Da kam Rudy durch mit seinem winzigen Gesicht und zog seinen ausladenden Körper hinter sich her. Rudy und sein Ringelschwänzchen Pincho; wir beobachteten, wie das Schwein Geschmacklosigkeiten beging.«

»Wie war er – Ihr Großvater?«

»Ich verehrte ihn. Er war derjenige, der die Tagesordnung festsetzte; ich trug sozusagen sein Banner. Er war mein Schicksal, aber nicht mein Verderben. Mein Großvater war ein liebevoller Mann. Er schulte mich schon früh in der Verführung. Als ich zwölf war, ging ich wie er, ich sprach wie er – mit zugeschnürtem Kehlkopf. Er war derjenige, der mich lehrte zu ›fensterln‹. Er sagte, die Frauen würden davonlaufen, wenn ich mich ihnen frontal näherte – ich sei zu geradeheraus. Er ließ mich auf die kleinen Mädchen zugehen und sagen: ›Du bist so schön.‹ Dann hatte ich mich umzudrehen und wegzugehen. ›Du bist das schönste Mädchen, das ich je gesehen habe!‹ – Schnell weg. Nach drei oder vier Mal würden sie dann sagen: ›He! Wie heißt du?‹ Auf diese Weise ›fensterlte‹ ich.«

Er stand auf und ging los. Der Bettler wandte sich dem buschigen Niemandsland zu, das die Autostraße umgab. Als wir zu seinem Wagen kamen, öffnete Castaneda die Tür und hielt für einen Moment inne.

»Ein Zauberer stellte mir vor langer Zeit eine Frage: Welches Gesicht hat das Rumpelstilzchen für dich? Ich war verblüfft. Dieses Ding, dachte ich, sei schattenhaft, habe ein finstres, menschliches Gesicht – das Rumpelstilzchen hat oft das Gesicht von irgend etwas, von dem du glaubst, du liebtest es. Für mich war es mein Großvater. Mein Großvater, den ich anbetete.« Ich stieg ein, und er startete den Wagen. Der letzte Zipfel vom Bettler verschwand im schmutzigen Gestrüpp.

»Ich war mein Großvater. Gefährlich, gewinnsüchtig, stillschweigend duldend. Gemein, rachsüchtig, voller Zweifel – und unbeweglich. Don Juan wußte das.«


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Wieder einmal verliebt sein

Mit fünfundsiebzig halten wir noch immer nach »Liebe« und »Kameradschaft« Ausschau. Mein Großvater wachte gewöhnlich mitten in der Nacht auf und schrie: »Glaubst du, daß sie mich liebt?« Seine letzten Worte lauteten: »Ich komme, Baby, ich komme!« Er hatte einen großen Orgasmus und verblich. Jahrelang dachte ich, das sei ein Ding – großartig. Dann sagte Don Juan: »Dein Großvater starb wie ein Schwein. Sein Leben und Sterben hatten nichts an Bedeutung.«

Don Juan sagte, der Tod könne nicht beruhigend wirken – nur der Triumph könne das. Ich fragte ihn, was er mit Triumph meine, und er sagte Freiheit: Wenn du durch den Schleier hervortrittst und deine Lebenskraft mitnimmst. »Aber es gibt noch so viel, das ich machen möchte!« Er sagte: »Du meinst, es gibt noch so viele Frauen, mit denen du es treiben möchtest.« Er hatte recht. So primitiv sind wir.

Der Affe wird das Unbekannte erwägen, aber bevor er springt, wird er wissen wollen: Was schaut für mich dabei heraus? Wir sind Geschäftsleute, Investoren, daran gewöhnt, unsere Verluste niedrig zu halten. – Es ist eine Welt der Marktleute. Wenn wir eine »Investition« tätigen, wollen wir Garantien. Wir verlieben uns, aber nur, wenn wir auch geliebt werden. Wenn wir nicht mehr lieben, dann schneiden wir den Kopf ab und ersetzen ihn durch einen anderen. Unsere »Liebe« ist bloß Hysterie. Wir sind keine herzlichen, sondern herzlose Wesen.

Ich dachte, ich wisse, wie zu lieben sei. Don Juan sagte: »Woher solltest du das wissen? Sie haben dich nie gelehrt zu lieben. Sie lehrten dich zu verführen, zu beneiden, zu hassen. Du liebst nicht einmal dich selbst... Sonst hättest du deinen Körper nicht durch solche Barbareien gebracht. Du hast nicht die Ausdauer, wie ein Zauberer zu lieben. Könntest du für immer lieben, bis nach dem Tod? Ohne die geringste Unterstützung – ohne ein Zurück? Könntest du ohne eine Investition lieben, nur für das Schwarze unter dem Nagel? Du wirst nie wissen, wie es ist, so unbeugsam zu lieben. Willst du wirklich sterben, ohne es zu wissen?«

Nein – das wollte ich nicht. Bevor ich sterbe, muß ich wissen, wie es ist, so zu lieben. Damit hatte er mich ertappt. Als ich meine Augen öffnete, rollte ich bereits den Hügel hinab. Und ich rolle noch immer.


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Rekapituliere dein Leben!


Ich hatte zuviel Coke in mir und war paranoid.

Castaneda sagte, Zucker sei als Killer genau so gefährlich wie der gesunde Menschenverstand. »Wir sind keine ›psychologischen‹ Kreaturen. Unsere Neurosen sind Nebenerscheinungen von dem, was wir in unsere Münder stecken.« Ich war sicher, er sah, wie mein »Energiekörper« Cola ausstrahlte. Ich fühlte mich absurd, geschlagen – ich entschied, die Nacht mit Profiterolen durchzubringen. Das ist der schmackhafte schokoladenbraune Schandfleck des niedrigen Affen.

»Ich hatte eine große Liebesbeziehung zu Coke. Mein Großvater war von einer Pseudogeilheit besessen. ›Ich muß diese Muschi kriegen! Ich brauche sie! Ich brauche sie jetzt!‹ Mein Großvater glaubte, er habe das beste Ding der Stadt. Höchst extravagant. Ich hatte das gleiche an mir – alles fuhr mir sofort in die Hoden, aber es war nicht echt. Don Juan teilte mir mit: ›Du wirst von Zucker angetrieben. Du bist zu dünn, um diese Form der sexuellen Energie zu haben.‹ Zu fett, um dieses ›Wunderding‹ zu haben.«

Im Universal City Walk raucht jeder. Es ist eigenartig, mit Carlos Castaneda in dieser architektonischen Annäherung der Mittelklasse Los Angeles’ zu sitzen – dieser »Agglutination der Details«, dieser »Lawine der flüchtigen Blicke«, welche diese virtuelle Stadt ist. Es gibt keine Schwarzen und nichts, das erhöhter Bewußtheit gleicht; wir sind vom menschlichen Band zum Band der amerikanischen Mittelklasse geglitten. Wir erleben eine verdrehte, einschmeichelnde Version einer vertrauten Szene aus seinen Büchern, wo er sich selbst abrupt in einem Trugbild der alltäglichen Welt wiederfindet.

»Wenn Dr. X. ›sein Leben rekapituliert‹ hätte, sagten Sie, hätte er womöglich einiges an Energie wiedererlangt. Was meinten Sie damit?«

»Die Rekapitulation ist das wichtigste, das wir zu tun haben. Um damit zu beginnen, fertigen Sie eine Liste von allen, die Sie kennen, an. Von allen, die Sie jemals gesprochen oder mit denen Sie sich beschäftigt haben.«

»Von allen?«

»Ja. Sie haken auf der Liste chronologisch jede rekonstruierte Szene eines Gedankenaustausches ab.«

»Aber das könnte Jahre dauern.«

»Freilich. Eine gründliche Rekapitulation nimmt eine lange Zeit in Anspruch. Und dann fangen Sie nochmal von vorne an. Wir sind mit dem Rekapitulieren nie fertig – auf diese Art gibt es keine Überbleibsel. Sehen Sie, es gibt keine ›Erholung‹. Erholung ist ein Begriff der Mittelklasse – der Gedanke, wenn du hart genug arbeitest, hast du dir einen Urlaub verdient; Zeit, vierradgetrieben mit dem Range Rover zum Fischen nach Montana zu fahren. Das ist Scheiße.«

»Du rekonstruierst die Szene...«

»Fangen Sie mit sexuellen Erinnerungen an. Sie sehen das Laken, die Möbel, den Dialog. Dann gehen Sie zu der Person, zum Gefühl über. Was fühlten Sie damals? Beobachten Sie! Atmen Sie die Energie ein, die Sie bei der Begegnung aushauchten; geben Sie zurück, was nicht Ihnen gehört.«

»Das klingt fast wie eine Psychoanalyse.«

»Sie analysieren nicht, Sie beobachten. Die filigranen Dinge, die Details – Sie klinken sich selbst in die Absicht der Zauberer ein. Es ist ein Manöver, ein magischer Akt, der hunderte Jahre alt ist; der Schlüssel zum Erneuern der Energie, die Sie für andere Dinge befreien wird.«

»Du bewegst deinen Kopf und atmest –«

»Gehen Sie die Liste hinunter, bis Sie bei Mami und Papi ankommen. Denn dann werden Sie schockiert sein; Sie werden Wiederholungsmuster erkennen, von denen Ihnen schlecht wird. Wer finanziert Ihre Torheiten? Wer setzt die Tagesordnung fest? Die Rekapitulation wird Ihnen einen Moment der Stille verschaffen – sie wird Ihnen gestatten, die Voraussetzungen aus dem Weg zu räumen und für etwas anderes Platz zu schaffen. Aus der Rekapitulation kommst du mit endlosen Geschichten über das Selbst hervor, aber du blutest nicht länger.«


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Was Sie schon immer
über Energie wissen wollten...
aber nicht zu fragen wagten

Als ich zu Don Juan kam, hatte ich mich bereits zu Tode gevögelt; ich hatte mich auf diese Weise völlig erschöpft. Ich bin nicht mehr auf der Welt, nicht so; Zauberer verwenden diese Art der Energie, um abzuheben oder um sich zu verwandeln. Das Vögeln ist unser wichtigster Akt, energetisch. Seht, wir haben unsere besten Generäle fein verteilt, aber versucht nicht, sie zurückzurufen; wir verlieren durch Nichterscheinen. Deswegen ist es so wichtig, euer Leben zu rekapitulieren.

Das Rekapitulieren trennt unsere Verpflichtung zur gesellschaftlichen Ordnung von unserer Lebenskraft. Die zwei sind nicht unentwirrbar. Als ich in der Lage war, das soziale Wesen von meiner angeborenen Energie zu substrahieren, konnte ich klar sehen: Ich war gar nicht so »sexy«.

Manchmal spreche ich zu Psychiatergruppen. Sie wollen etwas über den Orgasmus wissen. Wenn ihr da draußen in der Unermeßlichkeit herumfliegt, gebt ihr einen Kehricht auf den »Großen O.«. Die meisten von uns sind nicht hingabefähig; die ganze Empfindsamkeit besteht aus mentalem Onanieren. Wir sind »gelangweilte Fickmaschinen« – keine Energie im Augenblick der Empfängnis. Entweder sind wir Erstgeborene, und die Eltern wußten nicht, wie man es macht, oder Spätgeborene, und sie waren nicht mehr bei der Sache. Wir wurden jedenfalls herbeigefickt. Wir sind bloß biologisches Fleisch mit schlechten Angewohnheiten und ohne Energie. Wir sind fade Kreaturen, aber statt etwas zu tun, sagen wir: »Mir ist so langweilig.«

Das Vögeln ist sehr viel schädlicher für Frauen – Männer sind Drohnen. Das Universum ist weiblich. Frauen haben den totalen Zugang, sie sind bereits dort. Es ist nur so, daß sie derart auf dumm sozialisiert sind. Frauen sind hervorragende Fliegerinnen; sie haben ein zweites Gehirn, ein Organ, das sie für unvorstellbare Flüge verwenden können. Sie verwenden ihre Gebärmutter zum Träumen.

Sollen wir das Vögeln bleibenlassen? Die Männer fragen das Florinda. Sie sagt: »Macht nur so weiter! Steckt eure Piephähne doch hinein, wo ihr wollt!« Oh, sie ist eine schreckliche Hexe. Mit den Frauen verfährt sie noch ärger – diese Wochenendgöttinnen, die sich ihre Lippen und Nippel nachmalen und zum Zapfenstreich blasen. Sie sagt: »Ja, hier seid ihr Göttinnen. Aber was macht ihr, wenn ihr nach Hause kommt? Ihr werdet durchgebumst wie Sklavinnen! Die Männer hinterlassen leuchtende Würmer in eurer Muschi!« Eine wahrhaft fürchterliche Hexe!


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Der Kojotenpfad


Florinda Donner-Grau nimmt keinen gefangen. Sie ist klein von Wuchs, charmant und aggressiv – wie ein nervöser Jockey.

Als Donner-Grau auf Don Juan und seinen Kreis stieß, dachte sie, es mit arbeitslosen Zirkusarbeitern, die mit gestohlenen Waren Händel trieben, zu tun zu haben. Wie sonst sollten der Baccaratkristall, die gediegene Kleidung und die antiken Juwelen erklärt werden? Sie fühlte sich abenteuerlich mit ihnen – sie war von Natur aus keck, kühn und quicklebendig. Für ein südamerikanisches Mädchen war ihr Leben geradezu hemmungslos.

»Ich dachte, ich sei das wundervollste Wesen, das es je gegeben habe – so selbstbewußt, so außergewöhnlich. Ich fuhr schnelle Autos und kleidete mich wie ein Mann. Dann sagte mir dieser alte Indianer, das einzig Außergewöhnliche an mir seien meine blonden Haare und blauen Augen in einem Land, wo solche Dinge verehrt würden. Ich wollte ihn ohrfeigen – ich glaube, ich tat es tatsächlich. Aber er hatte recht, wie Sie wissen. Dieses Zelebrieren des Selbst ist völlig irre. Die Zauberer töten das Selbst. Sie müssen in diesem Sinne sterben, um leben zu können – nicht leben, um sterben zu können.«

Don Juan ermutigte seine Schüler, eine »Romanze mit dem Wissen« zu beginnen. Er wollte ihren Geist ausreichend trainiert wissen, um die Zauberei als ein authentisches philosophisches System zu betrachten, köstlich abgewandelt als Unterscheidungsmerkmal zur Welt der Zauberer; Feldforschung, die zur Meisterschaft führt. Der Weg zur magischen Stunde war auf diese Weise lustig.

Sie erinnerte sich an das erste Mal, als Castaneda sie zu Don Juan mitnahm. »Wir fuhren entlang dieser langen, sich schlängelnden Straße, Sie wissen schon, der ›Kojotenpfad‹. Ich dachte, er nähme diese komische Route, damit wir nicht verfolgt würden, aber es war etwas anderes. Man mußte genug Energie haben, um diesen alten Indianer zu finden. Nach ich weiß nicht mehr wie langer Zeit war da jemand an der Straße, der uns Winkzeichen gab. Ich sagte zu Carlos: ›He, willst du nicht anhalten?‹ Er sagte: ›Ist nicht nötig.‹ Sehen Sie, wir hatten den Nebel durchschritten.«

Wir rasten weiter und ließen Pepperdine hinter uns. Jemand verkaufte Kristalle an der Straße. Ich wunderte mich, daß das Haus von Shirley MacLaine abgebrannt war; ich wunderte mich, daß es Dick Van Dyke wieder aufgebaut hatte. Vermutlich war Van Dyke mit Sean Penns in MacLaines gezogen.

»Was geschieht mit den Leuten, die sich für Ihre Arbeit interessieren – denjenigen, die Ihre Bücher lesen und Briefe schreiben? Helfen Sie denen?«

»Die Leute sind intellektuell neugierig, sie fühlen sich ›gefrotzelt‹ oder was auch immer. Sie bleiben, bis es zu schwierig wird. Die Rekapitulation ist sehr unangenehm; sie wollen unmittelbare Ergebnisse, sofortige Belohnung. Für viele der Angehörigen des New Age ist es das Aufrißspiel. Sie inspizieren den Raum – verstohlene, ausgedehnte Blickkontakte mit potentiellen Partnern. Oder es ist nur das Einkaufen in der Montana Avenue. Wenn die Dinge für das, was sie sich selbst zugestehen können, zu teuer werden, dann wollen sie diese Dinge nicht mehr kaufen. Sehen Sie, wir wollen kleinsten Aufwand für größtmöglichen Gegenwert. Keiner ist eigentlich daran interessiert, die Arbeit zu verrichten.«

»Aber sie wären daran interessiert, wenn es so etwas wie einen Beweis gäbe für das, was Sie sagen –«

»Carlos weiß eine großartige Geschichte. Es war einmal eine Frau, die er seit Jahren kannte. Sie rief in fürchterlicher Verfassung aus Europa an. Er sagte ihr, sie solle nach Mexiko kommen, Sie wissen schon: ›Spring in meine Welt‹. Sie zögerte. Dann sagte sie: ›Ich werde kommen – solange ich weiß, daß meine Huarachos auf der anderen Seite des Flusses warten.‹ Sie wollte Garantien, daß sie sicher auf ihren Füßen landen wird. Freilich gibt es keine Garantien. Wir sind alle so: Wir wollen alle springen, solange wir wissen, daß unsere Huarachos auf der anderen Seite auf uns warten.«

»Was ist, wenn man springt – so gut man kann –, und es stellt sich heraus, daß es nur ein Fiebertraum war?«

»Na dann – gutes Fieber!«


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Carlos Castanedas private Seiten


»Das ist kein Buch für die Leute.«

Das sagte jemand, der ihn seit Jahren kannte, über Die Kunst des Träumens. In der Tat, es ist die Krönung des Werkes Castanedas, eine Gebrauchsanleitung für ein unentdecktes Land – die Schilderung antiker Techniken, die von Zauberern angewendet werden, um in die zweite Aufmerksamkeit zu gelangen. Wie seine anderen Bücher ist es erleuchtend und zermürbend, dennoch ist da ein Gedanke, der einen dabei nicht losläßt. Es riecht so, als ob es woanders gemacht worden wäre. Ich war neugierig zu erfahren, wie alles begann.

»Ich machte mit Don Juan gewöhnlich Notizen – Tausende von Notizen. Schließlich sagte er: ›Warum schreibst du nicht ein Buch?‹ Ich sagte ihm, daß das unmöglich sei. ›Ich bin kein Schriftsteller.‹ – ›Aber irgendein Scheiß-Buch könntest du doch schreiben, nicht wahr?‹ Ich dachte bei mir: Ja! Ich könnte ein Scheiß-Buch schreiben. Don Juan stellte eine Herausforderung auf. ›Kannst du dieses Buch im Bewußtsein schreiben, daß es einen gewissen Bekanntheitsgrad einbringt? Kannst du makellos bleiben? Ob sie dich lieben oder hassen ist bedeutungslos. Kannst du dieses Buch schreiben, ohne etwas darauf zu geben, was auf dich zukommt?‹ Ich stimmte zu: ›Ja. Ich werde es tun.‹

Und schreckliche Dinge kamen auf mich zu. Aber der Schlüpfer paßte nicht.«

Ich sagte ihm, ich sei mir nicht sicher, ob ich seine letzte Bemerkung verstanden hätte, und er lachte.

»Das ist ein alter Witz. Der Wagen einer Frau hat eine Panne, und ein Mann repariert ihn. Sie hat kein Geld und bietet ihm ihre Ohrringe an. Er sagt ihr, seine Frau würde ihm nicht glauben. Sie bietet ihm ihre Uhr an, aber er sagt, Banditen würden sie stehlen. Schließlich zieht sie ihren Schlüpfer aus, um ihn zu entschädigen. ›Nein danke‹, sagt er. ›Er hat nicht meine Größe.‹«


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Die Kriterien des Todes

Ich war nie alleine, bis ich Don Juan traf. Er sagte: »Werde deine Freunde los. Sie werden dir niemals erlauben, unabhängig zu handeln – sie kennen dich zu gut. Du wirst niemals in der Lage sein, mit etwas Erschütterndem vom Tatort zurückzukehren.« Don Juan befahl mir, ein Zimmer zu mieten, je verkommener, desto besser. Etwas mit grünem Fußboden und grünen Vorhängen, die vor Urin und Zigaretten stehen. »Bleibe dort«, sagte er. »Sei alleine, bis du gestorben bist.« Ich teilte ihm mit, daß ich das nicht könne. Ich wollte meine Freunde nicht verlassen. Er sagte: »Gut, ich kann mit dir nie wieder sprechen.« Er winkte mir auf Wiedersehen und lächelte breit. Junge, war ich erleichtert. Dieser komische alte Mann – dieser Indianer – hatte mich hinausgeworfen. Das Ganze hatte sich in Wohlgefallen aufgelöst. Je näher ich nach L.A. kam, desto verzweifelter wurde ich. Ich realisierte, wohin ich da nach Hause kam – zu meinen »Freunden«. Und wofür? Um sinnlose Dialoge mit denen zu führen, die mich so gut kennen. Um auf der Couch neben dem Telephon zu sitzen und zu warten, bis mich jemand zu einer Party einlädt. Endlose Wiederholungen. Ich zog in das grüne Zimmer und rief Don Juan an: »He, nicht daß ich es vorhätte – aber sage mir, welches ist das Kriterium, um sicher zu gehen, ob man gestorben ist?« – »Wenn es dich nicht mehr kümmert, ob du in Gesellschaft bist oder ob du alleine bist. Das ist das Kriterium, an dem du erkennst, ob du gestorben bist.«

Es dauerte drei Monate, um zu sterben. Ich kroch die Wände hoch – verzweifelt nach einem Freund, der mal vorbeischaute. Aber ich blieb. Schließlich war ich meine Dünkel los; ihr werdet nicht durch das Alleinsein wahnsinnig. Ich werdet wahnsinnig durch die Art, wie ihr lebt, das ist sicher. Darauf könnt ihr euch verlassen.


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Bewußtheit zusammenfügen


Wir fuhren mit seinem Kombi in Richtung des billigen Apartmenthauses, in das Castaneda gezogen war, um zu sterben.

»Wir könnten zu Ihrem alten Zimmer gehen«, sagte ich, »und an die Tür klopfen. Einfach so.« Er sagte, das würde Dinge aufgreifen, die zu lange zurücklägen.

»›Was möchtest du außer deinem Leben?‹ Das pflegte mich Don Juan zu fragen. Meine klassische Antwort: ›Ehrlich gesagt, Don Juan, ich weiß es nicht.‹ Das war meine Pose als der ›Denker‹ – der Intellektuelle. Don Juan sagte: ›Diese Antwort würde deiner Mutter genügen, mir aber nicht.‹ Sehen Sie, ich konnte nicht denken, – ich war bankrott. Und er war ein Indianer. Carajo, coño! Gott, du weißt nicht, was das heißt! Ich war höflich, aber ich schaute auf ihn herab. Eines Tages fragte er, ob wir gleich seien. Tränen quollen mir aus den Augen, als ich meine Arme um ihn schlang: ›Na freilich sind wir gleich, Don Juan! Wie kannst du so etwas sagen!‹ Große Umarmung; ich heulte tatsächlich. ›Meinst du das wirklich so?‹ sagte er. ›Ja, bei Gott!‹ Als ich aufhörte, ihn zu umarmen, sagte er: ›Nein, wir sind nicht gleich. Ich bin ein makelloser Krieger – und du bist ein Arschloch. Ich könnte jederzeit mein ganzes Leben zusammenfassen. Du kannst nicht einmal denken.‹«

Wir fuhren heran und parkten unter ein paar Bäumen. Castaneda starrte mit Verwunderung und Enthusiasmus auf das schäbige Gebäude, schockiert, daß es noch immer da war. Er sagte, es hätte vor langer Zeit weggeschoben werden sollen – sein beharrliches Bestehen auf dieser Welt sei etwas unheimlich Magisches. Kinder spielten mit einem riesigen Plastikfeuerwehrauto. Eine heimatlose Frau strich vorbei wie eine Nachtwandlerin.

Er machte keine Anstalten auszusteigen. Er begann darüber zu reden, was das »Sterben in dem grünen Zimmer« bedeutet hatte. Zu der Zeit, als er diesen Ort verlassen hatte, war Castaneda endlich in der Lage, dem fernen Besagen des alten Indianers unvoreingenommen zu lauschen.

Don Juan erklärte ihm: Wenn die Zauberer Energie sehen, dann präsentiert sich die menschliche Form selbst als leuchtendes Ei. Hinter dem Ei – ungefähr eine Armeslänge von den Schultern entfernt – ist der »Montagepunkt«, wo die weißglühenden Fasern der Bewußtheit zusammenlaufen und befestigt sind. Die Art und Weise, wie wir die Welt wahrnehmen, ist durch die Position dieses Punktes festgelegt. Der Montagepunkt der Menschheit ist am gleichen Punkt eines jeden Eis fixiert; diese Gleichförmigkeit ist verantwortlich für unsere gemeinsamen Ansichten der alltäglichen Welt. (Die Zauberer nennen diese Arena der Bewußtheit »die erste Aufmerksamkeit«.) Wir nehmen Veränderungen durch das Versetzen des Punktes durch Beschädigung, Schock, Drogen – oder im Schlaf, wenn wir träumen, wahr. »Die Kunst des Träumens« ist, den Montagepunkt zu einer neuen Stelle zu versetzen, dort zu befestigen und damit die Wahrnehmung abwechselnder, allumfassender Welten hervorzurufen (»die zweite Aufmerksamkeit«). Kleinere »Verschiebungen« des Punktes innerhalb des Eis befinden sich noch im menschlichen Band und sind für die Halluzinationen des Deliriums – oder für die Welt, die während der Träume angetroffen wird, verantwortlich. Größere »Bewegungen« des Montagepunktes, dramatischere, ziehen den »Energiekörper« aus dem menschlichen Band zu nicht-menschlichen Bereichen. Dort ist, wohin Don Juan und seine Gruppe 1973 reisten, als sie »von innen brannten«, wo sie den undenkbaren Vorsatz seiner Vorfahren vollzogen: Den evolutionären Flug.

Castaneda erfuhr, daß ganze Zivilisationen – ein Konglomerat aus Träumerinnen und Träumern – auf die gleiche Weise verschwunden waren.

Er erzählte mir von einem Zauberer aus der Riege seiner Vorgänger, der an Tuberkulose litt – und in der Lage war, den Montagepunkt vom Tode wegzuverlagern. Dieser Zauberer hatte makellos zu bleiben; seine Krankheit hing über ihm wie ein Damoklesschwert. Er konnte sich kein Ego leisten – er wußte präzise, wo sein Tod auf der Lauer lag und auf ihn wartete.

Castaneda wandte sich mir lächelnd zu. »He...« Er hatte einen seltsam eindringlichen Blick, und ich war bereit. Drei Wochen lang war ich von seinen Büchern und deren ansteckender Darstellung von Möglichkeiten umspült worden. Vielleicht war das der Moment, an dem ich meinen Pakt mit Mescalito eingehen sollte. Oder hatten wir bereits ohne mein Wissen »den Nebel durchschritten«?

»He«, sagte er wieder mit einem treuherzigen Augenaufschlag. »Möchten Sie einen Hamburger?«


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Das Schauspiel boykottieren


»Daß der Montagepunkt der ganzen Menschheit an einer Position fixiert ist, ist ein Frevel.«

Ich saß mit Taisha Abelar auf einer Bank vor dem Kunstmuseum von Wilshire. Sie ging nicht mit der Vorstellung, die ich von ihr gehabt hatte, konform. Castaneda hatte gesagt, als ein Teil von ihrem Training habe sie verschiedene Persönlichkeiten angenommen – eine davon, die »Verrückte von Oaxaca«, ein wollüstiges, dreckverschmiertes Bettelweib – zu ihrer Zeit als widerspenstige Schauspielerin des sensationellen Zaubertheaters.

»Ich war nahe daran, mein Buch The Great Crossing zu nennen, aber ich dachte, das sei zu östlich.«

»Die buddhistische Anschauung ist ganz ähnlich.«

»Es gibt viele Parallelen. Unsere Gruppe war vor Jahren übergetreten, aber erst neulich tauschten wir Meinungen aus – weil unser Abgang nahe bevorsteht. Fünfundsiebzig Prozent unserer Energie sind dort, fünfundzwanzig Prozent hier. Deshalb müssen wir gehen.«

»Ist es dort, wo Carol Tiggs war? Dieser fünfundsiebzig-Prozent-Ort?«

»Sie meinen die Dämmerzone?«

Sie hielt einen tödlichen Augenblick inne, dann lachte sie.

»Wir spürten Carol Tiggs auf unseren Körpern, als sie weg war. Sie hatte eine gewaltige Masse. Sie war wie ein Leuchtturm, ein Leuchtsignal. Sie gab uns Hoffnung – den Anreiz, weiterzumachen. Weil wir wußten, daß sie dort war. Immer, wenn ich mich gehen lassen wollte, spürte ich sie mir auf die Schulter klopfen. Wir waren durch und durch von ihr besessen.«

»Warum ist es für den ›Affen‹ so schwer, seine Reise anzutreten?«

»Wir nehmen minimal wahr; je mehr Verwicklungen wir in dieser Welt haben, desto härter ist es, auf Wiedersehen zu sagen. Und wir alle haben sie – wir alle wollen Ruhm, wir wollen geliebt werden, gefallen. Donnerwetter, manche von uns haben Kinder. Warum sollte jemand gehen wollen? Wir tragen einen Deckmantel, der uns verhüllt... Wir haben unsere schönen Augenblicke, die uns für den Rest unseres Lebens bleiben. Ich kenne eine, die Miß Alabama war. Reicht das, um sie von der Freiheit fernzuhalten? Ja. ›Miß Alabama‹ reicht, um sie zu unterdrücken.«

Es war Zeit, eine der großen Fragen (es gab deren reichlich) zu stellen: Wenn sie vom »Übertritt« sprachen, hieß das, mit ihren physischen Körpern? Sie erwiderte, die Wandlung des Selbst heiße nicht des freud’schen Ego, sondern des tatsächlichen, konkreten Selbst – ja, des physischen Körpers. »Als Don Juan und seine Gruppe gingen«, sagte sie, »gingen sie mit der ganzen Vollständigkeit ihrer Wesen. Sie gingen und hatten ihre Schuhe dabei an.«

Sie sagte, das Träumen sei der einzige neue und authentische Bereich der philosophischen Abhandlung – Merleau-Ponty habe sich geirrt, als er gesagt habe, die Menschheit sei zur vorschnellen Aburteilung einer a priori Welt verdammt. »Es gibt einen Ort ohne a priori – die zweite Aufmerksamkeit. Don Juan sagte immer, Philosophen seien ›unvollständige Zauberer‹. Was ihnen fehle, sei die Energie, über ihre Ideale hinauszuspringen.

Wir alle haben am Gepäck zu schleppen, das wir in Richtung Freiheit tragen: Werfen Sie es ab! Wir müssen auch das Gepäck der Zauberei abwerfen.«

»Das Gepäck der Zauberei?«

»Wir zaubern nicht; wir tun nichts. Alles, was wir tun, ist, den Montagepunkt zu bewegen. Am Ende wird Sie ›ein Zauberer zu sein‹ so sicher erwischen wie Miß Alabama.«

Eine lumpige, zahnlose Frau schlurfte mit Postkarten zum Verkauf an uns vorbei – die Verrückte der Wundermeile. Ich zog eine heraus und gab ihr einen Dollar. Ich zeigte sie Abelar; es war ein Bild von Jesus, lachend.

»Ein seltener Moment«, sagte sie.


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Die Gäste erscheinen

Was gibt es in dieser Welt noch zu erforschen?

Es ist alles a priori – getan und erschöpft. Wir sind für die Senilität bereits vorgemerkt; es wartet alles auf uns wie Magina, die Flußkrankheit. Als ich ein Knabe war, hörte ich davon. Ein Leiden aus Erinnerungen und Andenken. Es befällt Leute, die an Flußufern wohnen. Ihr werdet von einer Sehnsucht befallen, die euch dazu antreibt, euch weiter und weiter zu bewegen – euch sinnlos herumzutreiben, endlos. Der Strom fließt; die Leute sagten: »Der Fluß lebt.« Wenn er seinen Lauf umdreht, wird er sich nie mehr daran erinnern, daß er einmal von Osten nach Westen floß. Der Fluß vergißt sich selbst.

Es war einmal eine Frau, die ich früher immer im Pflegeheim besuchte. Sie war fünfzehn Jahre dort. Fünfzehn Jahre lang bereitete sie sich auf eine Party vor, die sie im Hotel del Coronado schmiß. Dies war ihre Täuschung; sie richtete sich jeden Tag her, aber die Gäste erschienen nie. Schließlich starb sie. Wer weiß – vielleicht war das der Tag, an dem sie endlich erschienen.


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Das Verzeichnis der Absicht


»Wie soll ich Ihr Aussehen beschreiben?«

Seine Stimme wurde lächerlich salbungsvoll. Er war Fernando Rey, der bourgeoise Narziß – mit einem leichten Hauch von Laurence Harvey.

»Sie mögen schreiben, ich ähnele Lee Marvin.«

Es dämmerte im Roxbury Park. Es war das stete und ferne Plock! eines Tennisballes zu hören, der auf ein gegenständliches Hindernis prallte.

»Ich las einmal im Esquire einen Artikel über kalifornische Hexenkunst. Der erste Satz lautete: ›Lee Marvin in Panik.‹ Wann immer etwas nicht ganz stimmt, können Sie mich hören: Lee Marvin in Panik.«

Wir kamen überein, ich würde Castaneda als an den Rollstuhl gefesselt – also in einem bonbon-rosaroten Cadillac-Cabrio aus den Fünfzigern – beschreiben, mit schön »geschnittenen« Armen und ebensolchem Torso. Ich würde sagen, er trug den Duft von Bijan und langes Haar, das sein Antlitz so sanft wie das des jungen Foucaults umwellte.

Er fing an zu lachen. »Ich kannte diese Frau einmal, sie hält jetzt Seminare über Castaneda ab. Wenn sie Depressionen hatte, fand sie einen Trick – einen Weg, sie loszuwerden. Sie sagte zu sich selbst: ›Carlos Castaneda schaut aus wie ein mexikanischer Kellner!‹ Das war alles, was sie brauchte, um wieder hochzukommen. Carlos Castaneda schaut aus wie ein mexikanischer Kellner!... gleich wieder frisch. Faszinierend! Wie traurig. Aber auf sie wirkte es wie Prozac!«

Ich hatte wieder die Bücher durchgeblättert und wollte ihn zur »Absicht« befragen. Es war einer der abstraktesten und vorherrschendsten Begriffe ihrer Welt. Sie sprachen vom Beabsichtigen der Freiheit, vom Beabsichtigen des Energiekörpers – sie sprachen sogar vom Beabsichtigen der Absicht.

»Ich verstehe Absicht nicht.«

»Sie verstehen gar nichts.« Ich war bestürzt. »Niemand von uns tut das! Wir verstehen die Welt nicht, wir behandeln sie nur – aber wir behandeln sie wundervoll. Wenn Sie also sagen: ›Ich verstehe nicht‹, dann ist das nur ein Ausspruch. Sie haben noch nie etwas verstanden, damit fängt es sich erst einmal an.«

Ich wollte streiten. Selbst Zauberei hat eine »praktische Erklärung«. Warum konnte er nicht eine für »Absicht« geben?

»Ich kann Ihnen nicht sagen, was ›Absicht‹ ist. Ich weiß es selbst nicht. Legen Sie dafür einfach ein neues Verzeichnis an. Wir sind Schätzmeister; wie sehr wir es mögen, Verzeichnisse zu führen! Einmal fragte mich Don Juan: ›Was ist eine Universität?‹ Ich teilte ihm mit, es sei eine Schule für höhere Studien. Er sagte: ›Aber was ist eine ›Schule für höhere Studien‹?‹ Ich erklärte ihm, das sei ein Ort, wo Leute zusammenkämen, um zu lernen. ›Ein Park? Ein Feld?‹ Er hatte mich ertappt. Ich realisierte, ›Universität‹ hat unterschiedliche Bedeutung für den Steuerzahler, für den Lehrer, für den Studenten. Wir haben keine Ahnung, was ›Universität‹ ist! Es ist ein Verzeichnis wie ›Berg‹ oder ›Ehre‹. Sie brauchen nicht zu wissen, was ›Ehre‹ ist, um sich ihr zu nähern. Genauso nähern Sie sich der Absicht. Erklären Sie Absicht zu einem Verzeichnis. Die Absicht ist lediglich das Wahrnehmen einer Möglichkeit – die Chance, eine Chance zu haben. Sie ist eine der immerwährenden Kräfte des Universums, die wir nie anrufen. Durch das Einklinken in die Absicht der Welt der Zauberer geben Sie sich selbst die Chance, eine Chance zu haben. Sie klinken sich nicht in die Welt Ihres Vaters ein; der Welt, wo man zwei Meter unter der Oberfläche begraben liegt. Beabsichtigen Sie, Ihren Montagepunkt zu bewegen. Wie? Durch Beabsichtigen! Die reinste Zauberei.«

»Sich nähern, ohne es zu verstehen.«

»Genau! ›Absicht‹ ist nur ein Verzeichnis – höchst irreführend, aber äußerst nützlich. Genau wie ›Lee Marvin in Panik‹.«


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Arme Babys

Dauernd treffe ich Leute, deren sehnlichster Wunsch es ist, mir ihre Geschichten zu erzählen, wie sie sexuell mißhandelt wurden. Ein Kerl erzählte mir, als er zehn gewesen sei, habe ihn sein Vater an seinem Ding gepackt und gesagt: »Der da ist zum Ficken da!« Das hatte ihn für zehn Jahre traumatisiert! Er gab Tausende für die Psychoanalyse aus. Sind wir so verwundbar? Einen Dreck. Wir treiben es seit etwa fünf Billionen Jahren. Aber das brandmarkte ihn: Er ist ein »Opfer sexueller Mißhandlung«. Mierda. Wir sind alle arme Babys.

Don Juan bestärkte mich, zu überprüfen, wie ich mich den Leuten gegenüber gab – ich wollte, daß ich ihnen leid tat. Das war meine »Eigenheit«. Wir haben eine Eigenheit, die wir früh lernen, pflegen und wiederholen, bis wir sterben. Wenn wir sehr vorstellungsbegabt sind, haben wir deren zwei. Schaltet das Fernsehen ein und hört den Talkshows zu: Arme Babys vom Anfang bis zum Ende.

Wir lieben Jesus – wie er blutend ans Kreuz genagelt ist. Das ist unser Symbol. Keiner ist an dem Christus interessiert, der auferstanden und in den Himmel aufgestiegen ist. Wir wollen Märtyrer und Verlierer sein; wir wollen eigentlich gar nicht, daß uns etwas gelingt. Arme Babys, die das arme Baby anbeten. Als der Mensch auf seine Knie fiel, wurde er zu dem Arschloch, das er heute ist.


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Das Bekenntnis zur
Sucht nach Bewußtheit


Castaneda war psychotropen Drogen lange ausgewichen, doch sie hatten großen Anteil an seinem Einstand in der Welt der Naguals. Ich befragte ihn dazu.

»Als Mann war ich natürlich sehr unelastisch – mein Montagepunkt war unbeweglich. Don Juan lief die Zeit davon, daher verwendete er enorme Mengen.«

»Deshalb gab er Ihnen die Drogen? Um Ihren Montagepunkt zu lockern?«

Er nickte. »Aber mit den Drogen gibt es keine Kontrolle; er bewegt sich, wie es gerade kommt.«

»Heißt das, daß die Zeit kam, als Sie in der Lage waren, ohne den Gebrauch von Drogen Ihren Montagepunkt zu bewegen und zu träumen?«

»Gewiß! Don Juan vollbrachte das. Sehen Sie, Juan Matus gab einen feuchten Kehricht auf ›Carlos Castaneda‹. Er war an dem anderen Wesen interessiert, dem Energiekörper – den die Zauberer ›den Doppelgänger‹ nennen. Das war es, was er in mir wecken wollte. Den Doppelgänger zum Träumen zu gebrauchen, um in der zweiten Aufmerksamkeit zu navigieren. Das ist es, was uns an die Freiheit rückt. ›Ich vertraue darauf, daß der Doppelgänger seine Pflicht tun wird‹, sagte er. ›Ich werde alles dafür tun – um zu helfen, ihn zu erwecken.‹ Ich spürte ein unangenehmes Frösteln. Diese Leute standen für das Eigentliche ein. Sie starben nicht vor Sehnsucht nach ihrer Mami oder schrien nach der Muschi.«

Wir befanden uns in einem kleinen Café inmitten des Flughafens von Santa Monica. Ich ging in den hell beleuchteten Waschraum, um mein Gesicht anzufeuchten und alles zu verinnerlichen. Ich glotzte in den Spiegel und dachte über den Doppelgänger nach. Ich erinnerte mich an etwas, das Don Juan Castaneda in Die Kunst des Träumens erklärt hatte. »Deine Passion ist es«, hatte er gesagt, »dich überstürzt und ohne vorher zu überlegen dafür einzusetzen, jemandes Fesseln zu durchtrennen.«

Auf dem Rückweg formulierte ich eine Frage.

»Wie war es – ich meine das erste Mal –, als Sie Ihren Montagepunkt ohne Drogen verschoben?«

Er hielt einen Moment inne und bewegte dann seinen Kopf von Seite zu Seite.

»Lee Marvin in Panik!« Er lachte. »Wenn Sie einmal damit begonnen haben, die Barrieren der normalen überlieferten Wahrnehmung zu durchbrechen, glauben Sie, verrückt zu sein. Sie brauchen dann den Nagual, um einfach zu lachen. Er lacht Ihre Ängste weg.«


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Die gefiederte Schlange
Ich sah sie gehen – Don Juan und seine Gruppe, eine ganze Schar von Zauberern. Sie gingen an einen von Menschtum und von der Zwangsverehrung des Menschen freien Ort. Sie brannten von innen. Als sie gingen, machten sie eine Bewegung, die sie »die gefiederte Schlange« nennen. Sie wurden Energie; sogar ihre Schuhe. Sie drehten sich ein letztes Mal um, ein letzter Blick zurück auf diese exquisite Welt. Juh-huh-huh! Ich fröstle – ich schwanke. Ein letzter Blick...nur für die Augen.

Ich hätte mit ihnen gehen können. Als Don Juan ging, sagte er: »Ich brauche meinen ganzen Mut, um zu gehen. Ich brauche meine ganze Courage, meine ganze Hoffnung – keine Erwartungen. Um zurückzubleiben, wirst du deine ganze Hoffnung und deine ganze Courage brauchen.« Ich machte einen vortrefflichen Sprung in den Abgrund und wachte in meinem Büro in der Nähe von Tiny Naylor’s auf. Ich unterbrach den Fluß der psychologischen Abfolge: Was auch immer da in dem Büro aufwachte, konnte nicht das »Ich« sein, wie ich es linear gekannt hatte. Deshalb bin ich der Nagual.

Der Nagual ist das Unwirkliche – keine Person. Anstelle des Ego ist etwas anderes, etwas sehr Altes. Etwas sehr Hellhöriges, Gelöstes – und unendlich weniger dem Selbst verpflichtet. Ein Mensch mit einem Ego ist von psychologischen Sehnsüchten gesteuert. Der Nagual hat keine. Er erhält Befehle von einer unaussprechlichen Quelle, über die nicht diskutiert werden kann. Das ist das endgültige Verständnis: Der Nagual wird am Ende zur Sage, zur Geschichte. Er kann nicht beleidigt sein, nicht eifersüchtig und nicht besitzergreifend sein – er kann nichts sein. Aber er kann Geschichten von Eifersucht und Leidenschaft erzählen.

Das einzige, was der Nagual fürchtet, ist »ontologische Traurigkeit«. Nicht Sehnsucht nach der guten alten Zeit – das ist Ichsucht. Ontologische Traurigkeit ist etwas anderes. Es gibt eine immerwährende Kraft, die im Universum existiert – wie die Schwerkraft, und der Nagual fühlt sie. Es ist kein psychologischer Zustand. Es ist ein Zusammenfluß von Kräften, der sich bildet, um diese arme Mikrobe, die ihr Ego besiegt hat, in die Pfanne zu hauen. Es wird gefühlt, wenn es keinen Halt mehr gibt. Ihr seht es auf euch zukommen, dann spürt ihr, wie es euch berührt.


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Die Einsamkeit des
ach so fernen Ebenbildes


Er ging vor zehntausend Jahren ganz gern ins Kino. Früher, als sie non-stop Nachtvorstellungen im Vista in Hollywood gaben, früher, als er die Kriterien, gestorben zu sein, erlernte. Er geht nicht mehr hin, die Hexen schon. Als eine Abwechslung von ihren launischen, heldenhaften Aktivitäten – eine Art Träumen von Safer-Sex. Aber nicht wirklich.

»Wissen Sie, es gibt eine Szene in Blade Runner, die uns bewegte. Der Autor weiß nicht, was er da beschreibt, aber er trifft etwas. Das Ebenbild spricht am Schluß: ›Meine Augen haben unfaßbare Dinge gesehen.‹ – Es spricht über die Konstellationen –: ›Ich habe die Kriegsschiffe von Orion gesehen.‹ – Quatsch, Unsinn. Das war der einzige Fehler für uns, weil der Autor nichts gesehen hat. Aber dann wird die Rede sehr schön. Es regnet, und das Ebenbild sagt: ›Was ist, wenn all diese Momente in der Zeit verloren gehen... wie Tränen im Regen?‹

Das ist eine sehr ernste Frage für uns. Es mögen nur Tränen im Regen sein – ja. Aber Sie geben Ihr Bestes, mein Herr. Sie geben Ihr Bestes, und wenn Ihr Bestes nicht gut genug ist, dann scheißen Sie drauf. Wenn Ihr Bestes nicht gut genug ist, dann scheißen Sie auf Gott.«


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Fußnote für Feministinnen


Bevor ich ihn ein letztes Mal traf, war ein Treffen mit der mysteriösen Carol Tiggs zum Frühstück vorgesehen. Vor zwanzig Jahren war sie mit Don Juan Matus’ Gruppe in das Unbekannte »gesprungen«. Sie ist dann unvorstellbarerweise zurückgekehrt und hatte einen regelrechten Wanderzirkus der Zauberer ausgelöst. Ich fühlte mich immer unwohler, je näher unser Termin heranrückte. Immer wenn die große Frage allmählich Form annahm (»Wo zur Hölle waren Sie diese zehn Jahre?«), verging es. Ich fühlte mich wie auf dem Bahnsteig stehend, und Carol Tiggs winkte mir von der Plattform aus zu.

In einem Universum der Zweiheiten sind Tiggs und Castaneda energetische Ergänzungen. Sie sind auf der Welt nicht wie Mann und Frau zusammen. Sie haben »doppelte« Energie; einem Seher würden ihre Energiekörper als zwei leuchtende Eier statt einem erscheinen. Das macht sie nicht »besser« als Donner-Grau oder Abelar oder sonst jemanden – im Gegenteil. Es lasse sie dazu tendieren, wie es Juan Matus einmal ausdrückte, »zweimal das Arschloch« zu sein. Bis jetzt schrieb Castaneda ausschließlich von Don Juans Welt, nie von seiner eigenen. Aber Die Kunst des Träumens ist mit Carol Tiggs’ dunkler, fremder Präsenz getränkt und reich an haarsträubenden Berichten ihrer Ausflüge in die zweite Aufmerksamkeit – die jähe, gewaltsame Befreiung eines »empfindenden Wesens aus einer anderen Dimension«, das die Gestalt eines engelhaften stahlblauäugigen kleinen Mädchens angenommen hatte, genannt »der blaue Späher«, mit eingeschlossen.

Es war gerade Zeit, um aufzubrechen, als das Telephon läutete. Ich war sicher, es sei Tiggs, die anrief, um abzusagen. Es war Donner-Grau.

Ich berichtete ihr von einem Traum, den ich am Morgen gehabt hatte. Ich war mit Castaneda in einem Geschenkartikelladen mit dem Namen »Kojotenpfad« gewesen. Es kümmerte sie nicht! Sie sagte, normale Träume seien bloß »bedeutungsloses Onanieren«. Grausame, herzlose Hexe.

»Ich wollte noch etwas hinzufügen. Die Leute sagen zu mir: ›… damit richten Sie den Feminismus zugrunde. Der ›Anführer‹ dieser Gruppe war Juan Matus, und nun ist der neue Nagual Carlos Castaneda – warum ist es immer ein Mann?‹ Nun, der Grund, daß diese Männer die ›Anführer‹ waren und sind, ist eine Sache der Energie – nicht, weil sie etwa mehr wüßten oder ›besser‹ wären. Sehen Sie, das Universum ist wahrlich weiblich; der Mann wird verhätschelt, weil er einzigartig ist. Carlos führt uns nicht in der Welt, sondern im Träumen.

Don Juan verwendete diese entsetzliche Phrase. Er pflegte zu sagen, Frauen seien ›übergeschnappte Schlampen‹ – es war nicht herabwürdigend. Es ist ganz richtig, daß wir ›übergeschnappt‹ sind, weil wir die Anlagen zum Träumen haben. Männer sind durch und durch steif. Aber Frauen haben keine Besonnenheit, keine Struktur, keinen Kontext bei der Zauberei, das trägt der Mann dazu bei. Die Frauen werden wütend, wenn ich sage, Frauen verfügten über eine angeborene Selbstgefälligkeit. Aber es ist wahr! Das kommt daher, weil wir Wissen direkt wahrnehmen. Wir müssen nicht endlos darüber reden – das ist die Verfahrensweise der Männer.

Wissen Sie überhaupt, was der Nagual ist? Der Mythos des Nagual? Daß es für uns alle unbegrenzte Möglichkeiten gibt, etwas anderes zu sein, als wir sein sollten. Sie brauchen nicht den Weg Ihrer Eltern einzuschlagen. Ob ich dabei erfolgreich bin oder nicht, ist unwesentlich.«


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Nur für die Augen


Gerade als ich aufgelegt hatte, läutete das Telephon wieder. Es war Carol Tiggs, die absagte. Ich erwartete, erleichtert zu sein, aber es baute mich ab.

Ich hatte mit Leuten gesprochen, die ihre Vorträge in Maui und Arizona gehört haben. Sie hatten gesagt, sie sei hervorragend gewesen; sie habe den Raum ganz in ihren Bann gezogen. »Es tut mir leid, daß wir uns nicht treffen können«, sagte sie. Sie klang wenigstens ehrlich. »Ich hatte mich schon darauf gefreut.«

»Ist okay. Ich werde Sie bei einem Ihrer Vorträge erwischen.«

»Oh, ich glaube, daß ich das eine Zeitlang nicht machen werde.« Es gab eine Pause. »Ich habe etwas für Sie.«

»Ist es der Blitz aus Ihren Titten?«

Sie zögerte einen Moment und brach dann in schallendes Gelächter aus.

»Etwas viel Dramatischeres.« Ich fühlte ein Rühren in meiner Magengrube. »Sie wissen, sie haben immer gesagt, die Leute hätten diese Spalte zwischen Geist und Körper – dieses Ungleichgewicht, dieses ›Geist-Körper-Problem‹. Aber der eigentliche Zwiespalt besteht zwischen dem physischen Körper und dem Energiekörper. Wir sterben, ohne je diesen magischen Doppelgänger erweckt zu haben, und er haßt uns deswegen. Er haßt uns so sehr, daß er uns vielleicht sogar umbringt. Das ist das ganze ›Geheimnis‹ der Zauberei: Den Doppelgänger für abstrakte Flüge zugänglich zu machen. Die Zauberer springen mit ihrem Energiekörper in das Vakuum der reinen Wahrnehmung.«

Eine weitere Pause folgte. Ich fragte mich, ob das alles war, was sie sagen wollte. Ich wollte etwas sagen, aber irgend etwas hielt meine Worte zurück.

»Es gibt ein Lied, zu dem Don Juan meinte, es sei hübsch – er sagte, die Lyrikerin habe es fast getroffen. Don Juan ersetzte ein Wort, um es perfekt zu machen. Er setzte Freiheit ein, wo die Autorin Liebe geschrieben hatte.«

Dann begann das gespenstische Rezitativ:

Du lebst nur zweimal,
so oder so.
Ein Leben für dich
und eines für deine Träume.
Du treibst dich
durch die Jahre,
und das Leben mag
schal schmecken.
Bis ein Traum kommt,
dessen Name »Freiheit« ist.
Und die Freiheit
ist eine Fremde,
die dir zuwinken wird;
denk nicht an die Gefahr,
sonst ist die Fremde dahin.
Dieser Traum ist für dich,
also trage ihm Rechnung.
Laß einen Traum
wahr werden...
*

Sie fügte einen Moment des Schweigens ein. Dann sagte sie: »Träumen Sie was Schönes«, parodierte ein Hexenkichern und legte auf.


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Die Gelüste des Nagual


Als die Tage kühler wurden, war es leicht, irgend etwas zu bedauern, sogar Prozac. Was ist, wenn sich herausstellt, daß Castaneda nichts erfindet? Wenn das wahr ist, dann steht ihr sehr schlecht da.

Wir trafen einander ein letztes Mal an einem kalten Tag am Strand beim Anlegesteg. Er sagte, er könne nicht lange bleiben. Es tue ihm leid, daß es mir nicht gelungen sei, Carol Tiggs zu treffen. Ein anderes Mal. Ich fühlte deutlich das arme Baby – verdammt, ich möchte doch nur geliebt werden. Ich war in Panik wie Lee Marvin; ich war Rutger Hauer mit dünner Haut; ein kreischender Jesus auf der Wundermeile.

Und Jesus sah nieder auf all die Menschen und sagte: Mir ist langweilig.

Wir setzten uns auf eine der Bänke an den Klippen. Ich wollte ihn noch nicht gehen lassen, nur für einen Moment.

»Erzählen Sie mir vom letzten Mal, als Sie nach etwas Sehnsucht hatten.«

Er antwortete, ohne zu zögern.

»Als ich meinem Großvater auf Wiedersehen zu sagen hatte. Er war damals schon lange tot. Don Juan sagte, es sei Zeit, Adieu zu sagen: Ich bereitete mich auf eine lange Reise ohne Wiederkehr vor. ›Du mußt auf Wiedersehen sagen‹, sagte er, ›denn du wirst niemals zurückkommen.‹ Ich beschwörte meinen Großvater vor mir herauf – sah ihn ganz deutlich. Eine totale Vision von ihm. Er hatte ›tanzende Augen‹. Don Juan sagte: ›Verabschiede dich für immer.‹ Oh, was für Qualen! Es war an der Zeit, das Banner herunterzuholen, und ich tat es. Mein Großvater wurde eine Geschichte. Ich habe sie tausendmal erzählt.«

Wir gingen zu seinem Wagen.

»Ich fühle ein Jucken in meinem Solarplexus – sehr aufregend. Ich erinnere mich, daß Don Juan es immer fühlte, aber ich verstand nicht, was es bedeutete. Es bedeutet, daß es bald Zeit sein wird zu gehen.« Er erschauerte vor Wonne. »Bezaubernd!«

Als er abfuhr, rief er mir durch das Fenster zu: »Auf Wiedersehen, berühmter Gentleman!«


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Die Lichter verlöschen


Ich hörte von einem Vortrag in San Francisco. Ich war gerade mit dem Schreiben über sie fertig geworden, aber ich entschied hinaufzufahren. Um sozusagen einen Korken darauf zu stöpseln.

Das Auditorium befand sich in einem Industriepark im Silicon Valley. Sein Flugzeug hatte Verspätung; als er kam, war die Halle randvoll. Er sprach eloquent drei Stunden ohne Unterbrechung. Er beantwortete Fragen mit Aufwiegeln, Flehen und Abwehr. Niemand rührte sich.

Am Ende sprach er über das Töten des Ego. Don Juan habe eine Metapher gewußt: »›Die Lichter verlöschen, die Musikanten packen ihre Instrumente ein. Es bleibt keine Zeit mehr, um zu tanzen: Es ist Zeit, zu sterben.‹ Juan Matus sagte, es gebe endlos viel Zeit und gar keine Zeit – der Widerspruch sei Zauberei. Lebt sie! Erlebt, wie prachtvoll sie ist!«

Ein junger Mann aus dem Publikum erhob sich: »Aber wie können wir das ohne einen wie Don Juan schaffen? Wie können wir das tun, ohne die Gesellschaft von...«

»Wir geben keine ›Gesellschaften‹. Da gibt es keine Gurus. Ihr braucht Don Juan nicht«, sagte er mit Nachdruck. »Ich brauchte ihn – damit ich es euch erklären kann. Wenn ihr Freiheit wollt, braucht ihr Entscheidung. Wir brauchen Masse in der Welt; wir wollen keine Wichser sein. Wenn ihr rekapituliert, werdet ihr die Energie sammeln – wir werden euch finden. Aber ihr braucht eine Menge Energie. Und dafür müßt ihr arbeiten, bis euch die Eier abfallen. Also setzt eure Beurteilungen außer Kraft und ergreift die Gelegenheit. Tut es.

Don Juan pflegte zu sagen: ›Einer von uns beiden ist ein Arschloch. Ich bin es nicht.‹« Er unterbrach sich kurz. »Das war’s, was ich euch heute sagen wollte.«

Alle brüllten vor Lachen und applaudierten, als Castaneda durch die Hintertür den Saal verließ.

ICH WOLLTE IHM NACHLAUFEN UND SCHREIEN: »Bitte mögen Sie mich!« Für einen Lacher wäre es immerhin gut gewesen. Aber ich vergaß meine dünne Haut.

Ich ging in der Dunkelheit auf der Kante des Gehsteiges um den Teich. Ein leichter Wind wirbelte das trockene Laub an seinem Ufer herum. Eines unserer Gespräche tauchte in mir auf – er hatte über die Liebe gesprochen. Ich hörte seine Stimme und stellte mir vor, wie ich mich auf der Plattform langsam nach den Worten umdrehte, die an mir vorüberflogen...

»Ich verliebte mich, als ich neun Jahre alt war. Ehrlich, ich fand mein anderes Selbst. Ehrlich. Aber es war nicht vom Schicksal bestimmt. Don Juan erklärte mir, ich sei statisch und unbeweglich gewesen. Mein Schicksal sei dynamisch. Eines Tages zog die Liebe meines Lebens – dieses neunjährige Mädchen! – fort. Meine Großmutter sagte: ›Sei kein Feigling! Hole sie zurück!‹ Ich liebte meine Großmutter. – Was ich ihr aber niemals sagte, weil es mich verlegen machte: Sie hatte einen Sprachfehler. Sie nannte mich ›Afor‹ anstatt ›Amor‹. Es war eigentlich nur ein fremder Akzent, aber ich war sehr jung und wußte das nicht. Meine Großmutter drückte mir ein paar Münzen in die Hand: ›Geh und hole sie! Wir werden sie verstecken und ich werde sie aufziehen!‹ Ich nahm das Geld und machte mich auf, als der Liebhaber meiner Großmutter ihr etwas ins Ohr flüsterte. Sie wandte sich mir mit einem leeren Blick zu. ›Afor‹, sagte sie. ›Afor, mein liebes Schätzchen...‹ Sie nahm mir das Geld wieder ab. ›Es tut mir leid, aber wir haben keine Zeit mehr.‹ Und ich vergaß das – es war an Don Juan, es Jahre später zusammenzufügen.

Es verfolgt mich dauernd. Wenn ich dieses Jucken fühle – und die Uhr zeigt dreiviertel zwölf –, bekomme ich Schüttelfrost! Ich erschauere bis heute!

›Afor... mein Schätzchen. Wir haben keine Zeit.‹«


Bruce Wagner ist der Autor des Romans Force Majeure und gestaltete die Fernsehsendung Wild Palms. Er schrieb das Drehbuch zu Scenes From The Class Struggle in Beverly Hills und sorgt mit seinem Enthüllungsroman I’m Losing You für Aufregung in Hollywood.

Übersetzung aus dem Amerikanischen und Gestaltung: Die Autoren dieser Webseite.

* AUS: »YOU ONLY LIVE TWICE« © 1967.
MUSIK VON JOHN BARRY. TEXT VON LESLIE BRICUSSE.

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Brief des Herausgebers

Wir ließen Artikel über Michael Jackson, Michael Jordan, River Phoenix (und Shannen Doherty) ausfallen, um einem Mann Platz zu widmen, der dreißig Jahre lang »weg« war, nie photographiert wurde, und dessen Name Carlos Castaneda ein Pseudonym sein kann oder auch nicht. Obwohl er nie in die Ruhmestafel des Rock and Roll eingraviert worden ist, hält Carlos Castaneda eine Position in der zeitgenössischen Kultur. Das Erscheinen seines ersten Buches, Die Lehren des Don Juan, fiel zeitlich mit einem explosionsartigen Aufkommen hippie-mystischer Literatur zusammen. Als Teenager verschlang ich es als einen atemberaubenden Bericht aus dem psychedelischen Grenzbereich. Nach einer Zeit – und mit dem Erscheinen darauffolgender Bücher – wurde deutlich, daß Castaneda kein Hippie, kein Mystiker und schon gar kein Sektierer war. Seine Bücher erwiesen sich durchwegs als zeitlose Straßenkarten, welche die gewundenen Wege zu einer unsichtbaren, inneren Welt zeigt – eine objektive Reise zu einer subjektiven Wahrheit. Auf der Suche nach journalistischen »Beweisen« sind Journalisten traditionellerweise ausgezogen, um die Fehlerlosigkeit seiner Werke herauszufordern (»Mr. Castaneda, verwandelten Sie sich tatsächlich in einen Kojoten?«); der Wert seiner Neuigkeiten war der einer arglistigen Täuschung. Das sind die Grenzen des Journalismus. Bruce Wagners episches Interview mit Castaneda, eines der wenigen, die es gibt, zeigt, daß die Wahrheit manchmal besser gefühlt als beobachtet werden kann. Scharfsinnig, inspirierend, gnadenlos, heiter und blau wie der Wüstenhimmel in der Nacht, zeigte mir der Beitrag etwas, das ich manchmal vergessen hatte: Daß mich Journalismus noch etwas lehren kann.

James Truman
Chef-Herausgeber von DETAILS

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Inhalt


































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Du lebst nur zweimal
ENDE